Die Musikwerkstatt Wels, die es übrigens schon seit 1979 gibt, bringt immer wieder interessante Bands auf die Bühne des Schl8hof Wels. Das Jazztrio Altamira zeichnet sich durch eine besonders unübliche Besetzung aus. Zwischen dem Saxophonisten (Mathias Mayrbäurl) und dem E-Bassisten (Josef Wagner) würde üblicher Weise ein Schlagzeuger seinen Dienst tun, bei Altamira steht allerdings eine Konzertharfe im Mittelpunkt, gespielt von Angela Stummer-Stempkowski. Ganz ungewöhnlich ist die Harfe im Jazz nun aber auch wieder nicht, wenn man an Alice Coltrane denkt oder aktuell z. B. an Brandee Younger, die ich vor gur zwei Jahren im Salzburger Jazzit bestaunen durfte. Natürlich hat eine derartige Besetzung einen ziemlich kammermusikalischen Touch. Dabei geht es um originelle Melodien, feine Nuancen und gute Abstimmung beim Zusammenspiel, wobei die Freiheit der Improvisation durchaus ihren Platz bekommt. Mayrbäurl's Spiel am Sopransaxophon hat mir dabei besonders gut gefallen. Die meisten eher komplexen Kompositionen stammen von Josef Wagner, die expressivste ist von Mathias Mayrbäurl. Nur einmal nehme ich eine mir schon lange bekannte, wunderbare Melodie wahr: Altamira erweist Carla Bley die Ehre, indem die Musiker:innen das 1981 erschienene Stück "Utviklingssang" erklingen lassen, das sich bestens ins Programm einfügt. Altamira bietet Musik, die mich nicht gleich vom ersten Takt an mitnimmt, sondern die erst allmählich ihre volle Wirkung entfaltet und mich einnimmt. Am Ende kann ich dann kaum genug davon kriegen.
Mittwoch, 10. Juni 2026
Sonntag, 7. Juni 2026
LoveJoy Gospel Choir mit Shelia Michellé & Helmut Reiter im Flößersaal Stadl Paura
Es ist nicht das erste Mal, dass ich diesen Chor höre, der im Bildungshaus Puchberg bei Wels seine Wurzeln hat. Helmut Reiter am Keyboard und die aus Nashville stammende Sängerin Shelia Michellé haben mit etwa 40 sangesfreudigen Frauen und Männern ein buntes Programm aus Gospel-Liedern zusammengestellt, das sie in der Flößerhalle in Stadl Paura präsentieren. Dabei gibt es sowohl Chorpassagen als auch solistische Gesangsstimmen, die sich ergänzen und miteinander verwoben sind. "Hallelujah, Salvation and Glory", "Sing" oder das bekannte "Amazing Grace" sind ein paar Beispiele aus dem Repertoire dieses Chors. Neben dem Gesang sind es auch das Outfit der Sänger:innen und bisweilen auch die originelle Choreographie, die den Reiz der Vorstellung ausmachen. Der LoveJoy Gospel Choir beweist jedenfalls, dass es alle, die Freude am Singen haben, unter fachkundiger Leitung zur Konzertreife bringen können. Weitere Workshops, zu denen neue Interessent:innen eingeladen sind, starten demnächst im Bildungshaus Puchberg.
Samstag, 6. Juni 2026
Adama Dicko & Seno Blues im Kino Ebensee
Er lebt schon mehr als zehn Jahre in Österreich und stammt aus Burkina Faso: der Sänger und N'Goni-Spieler Adama Dicko, der mit Seno Blues im Kino Ebensee gastiert. Seine Band besteht aus einer Saxophonistin, einem Schlagzeuger, einem Conga-Spieler, einem Bassisten (Emanuel Kopf) und einem E-Gitarristen (Paul Oberndorfer). Schon die ersten Takte zeigen, wohin die Reise geht. Die Band spielt und Adama Dicko singt den von mir so geliebten Sahel-Blues (Desert-Blues) mit seinem treibenden Rhythmus, der mich kaum eine Minute auf meinem bequemen Kino-Sessel verharren lässt, sondern zum Durchtanzen für die Dauer des Konzerts animiert, wie es fast der ganze Saal bald ebenfalls macht. Diese Musik hat etwas Hypnotisches an sich, vor allem verursacht einerseits durch die Gesangsstimme und die Melodien auf der Kamale Ngoni, andererseits durch den eindringlichen Rhythmus, erzeugt von den Drummern und dem Bassisten, der eine besondere akustische Bassgitarre verwendet. Das Kamale Ngoni ist eine westafrikanische Harfenlaute mit bis zu 18 Saiten und einem Korpus aus einem Kalebassenkürbis. Tenorsaxophon und E-Gitarre tragen wesentlich zum vollen Band-Sound bei. Dass Blues und Reggae in Afrika ihre Wurzeln haben, wird mit dieser Musik offenkundig. Nach fast zwei Stunden musikalischer Reise durch die Wüsten und Steppen von Mali und Burkina Faso kommen Musiker und Publikum schließlich zu ihrer wohlverdienten Ruhe. Diese Musik hat mir sehr gut getan.
Donnerstag, 4. Juni 2026
Ella Zirina Trio im Jazzit Salzburg
Sie wird als Rising Star gehandelt, kommt ursprünglich aus Lettland und lebt jetzt in Amsterdam: die Gitarristin Ella Zirina, die mit ihren holländischen Kollegen Felix Moseholm am Kontrabass und Jamie Peet am Schlagzeug im Jazzit auftritt. Sie zeigt sich als Meisterin der feingesponnenen Töne und Akkorde und als Klangmalerin. Ihre Begleiter gehen ebenso behutsam mit ihren Instrumenten um, um das pastellfarbene musikalische Bild nicht zu zerstören. Es geht also recht kammermusikalisch zu, was meine Aufmerksamkeit auf das Spiel der einzelnen Musiker:innen richtet, was mich allerdings auch die Augen schließen lässt, um die Magie dieser Musik als Ganzes auf mich wirken zu lassen. Eigenkompositionen bilden den Schwerpunkt der Vorstellung, allerdings lässt Ella Zirina auch zwei zur Stimmung passende Jazz-Standards erklingen: Billy Strayhorn's "A Flower Is a Lovesome Thing" und George Gershwin's "I Loves You, Porgy". Selten aber doch wird das Spiel der Band etwas schneller und expressiver, kehrt allerding recht schnell wieder zur filigranen Spielweise zurück, bei der ich mich an den feinsten Saitenklängen der Gitarre und auch des Kontrabass erfreuen kann. Tatsächlich hat Ella Zirina mit ihren noch nicht einmal 30 Jahren eine Meisterschaft in ihrem Spiel erreicht, die erstaunlich ist. Die große Begeisterung beim hoch konzentrierten Publikum ist offensichtlich.
Mittwoch, 3. Juni 2026
EKKO III im Schl8hof Wels
Jazzrock (Fusion) der 1970er war nicht so ganz nach meinem Musikgeschmack und daher habe ich mich auch nicht eingehender mit dieser Stilrichtung beschäftigt. Nun ergibt sich ein Berührungspunkt mit diesem Genre im Rahmen der Musikwerkstatt Wels im Schl8hof. EKKO III nennt sich das Trio mit dem Gitarristen Gerald Gradwohl, dem Bassisten Peter Schönbauer und dem Drummer Walter Sitz. Schon nach den ersten Takten bin ich beeindruckt von der Qualität des Gebotenen, vor allem von den Spielkünsten Gradwohls, der mit Sicherheit einer der Besten ist, die ich je an der E-Gitarre gehört habe. Sowohl was die Soundgestaltung anbelangt als auch die Akkordfolgen und die rasend schnellen Läufe gibt es kaum Spannenderes. Mit seinen Soli erzählt er Geschichten, denen ich aufmerksam zuhöre. Die Bässe von Peter Schönbauer erinnern mich bei manchen Stücken an Synthie-Bässe. Auch er bringt mit seinem Bass durch zahlreiche Effektgeräte interessante Sounds hervor. Der Taktgeber der Band am Drumset spielt recht geradlinig, was der Musik eine sehr relaxte Note verleiht. Dabei fehlt es nicht an reger, offensichtlicher Interaktion zwischen den Musikern. Das Programm besteht aus Eigenkompositionen, nur als Zugabe erklingt schließlich das bekannte Wienerlied "Wann der Herrgott net will" im jazzrockigen Gewand. Das ist Fusion, die auch bei mir bestens ankommt. Denn auch in diesem Genre dürfte gelten: Es gibt nur gute oder schlechte Musik. Diese gehört zur sehr, sehr guten Sorte.
Montag, 1. Juni 2026
"Risikogruppe" im Living Room Salzburg
Jetzt beginnt wieder die Zeit der sonntagabendlichen "Arkadenkultur" in Salzburg, eine Reihe sommerlicher Konzerte und Lesungen, die meist im Living Room Salzburg stattfinden. Der Eröffnungsabend wird bestritten von Musiker:innen, die auch beim "Stubenblues 2.0" mitwirken, allen voran Stefan Schubert (Gitarre und Gesang), der auch Gründungsmitglied beim ursprünglichen "Stubenblues" mit dem leider verstorbenen Willi Resetarits war. Mit diesem Konzert bekomme ich einen Einblick ins Repertoire dieser Bands, und das besteht aus Mundartliedern der Bereiche Rock und Blues mit funkigen und jazzigen Anklängen. Vor allem die Saxophonistin Ilse Riedler sorgt dafür und auch Markus Marageter am E-Piano und an der Hammond-Orgel. Klaus Kircher spielt einen wunderbar geschmeidigen E-Bass und Camillo Jenny besorgt den Beat. Die meisten Titel sind neu für mich, allerdings sind auch zwei mir bekannte Coverversionen darunter: Hannes Wader's Hit "Heute hier, morgen dort" im Wiener Dialekt und Ernst Molden's schöne Ballade "Hameau". Obwohl es bei den Songs eher geradlinig zugeht, dürfen die Beteiligten auch öfter mit beherzten Soli brillieren. Das Ganze spielt sich auf einem qualitativ sehr hohen Niveau ab und wirkt dennoch leicht und spielerisch. Der Publikumsandrang ist groß und die Freude und Begeisterung beim Zuhören ebenso.
Freitag, 29. Mai 2026
John Di Martino im ProDiagonal Lambach
Ein Solo-Klavierabend in der Wohnzimmer-Atmosphäre des Bildungshauses ProDiagonal auf einem Steinway-Flügel (D274?) ist für mich immer ein Hochgenuss, egal um welches Musikgenre (Klassik oder Jazz) es sich gerade handelt. Dieses Mal ist es der aus Philadelphia stammende Pianist John Di Martino, der ein Programm mit klassischem Jazz- und American-Songbook-Repertoire zusammengestellt hat. Komponisten wie Duke Ellington, Billy Strayhorn, George Gershwin, Michel Legrand, Cole Porter, Herbie Hancock, Ornette Coleman u. a. erweist er die Ehre. Und sogar das Beatles-Stück "In My Live" interpretiert er auf seine eigene unvergleichliche Art. Dabei geht es nicht um virtuose Rasanz, sondern um eher sparsames Zur-Schau-Stellen der Essenz der Kompositionen, um Anreicherung mit eigenen Ideen, um das Ausloten aller möglichen Akkordvariationen. Da ist keine Ton zu viel und auch keiner zu wenig. John Di Martino weiß immer um den richtigen Anschlag, um das herrliche Instrument bestmöglich zum Klingen zu bringen und Betonungen nach seiner Manier zu setzen. Die Verehrung der Musik, die Spielfreude in diesem intimen Rahmen vor einem hochkonzentrierten Publikum sind dem Pianisten jeden Moment anzumerken. Die Begeisterung beim Publikum ist ebenso groß. Einen derartigen Konzertgenuss erlebt man schließlich nicht alle Tage.
Donnerstag, 28. Mai 2026
Halpin/Wiesinger/König im Schloss Puchberg
Ich habe ja schon einmal ein beeindruckendes Jazz-Konzert im barocken Spiegelsaal des Schlosses Puchberg erlebt. Nun hat dort eine Konzertreihe der Schl8hof-Crew eine neue Heimat gefunden. Matthew Halpin, ein in Wien unterrichtender irischer Saxophonist, die Bassistin Beate Wiesinger und der Schlagzeuger Lukas König bilden ein gleichberechtigtes Trio, das modernen, kammermusikalischen Jazz spielt. Die Kompositionen sind geprägt von vielen melodischen Einfällen, die meist recht schnörkellos und subtil umgesetzt werden. Nur gelegentlich steigert sich das Ganze zu heftigeren Ausbrüchen an den Instrumenten. Längere solistische Einlagen gibt es nur selten. Das kollektive Spiel dominiert. Matthew Halpin präsentiert einen recht klaren und reinen Saxophonton, von dem er nur selten abweicht. Das Bassspiel von Beate Wiesinger zeichnet sich sowohl durch Klarheit als auch durch Vielseitigkeit aus. Lukas König ist meist mit originellen Soundbeigaben am Schlagzeug beschäftigt. Besonders gut gefallen hat mir eine Komposition, die sich rhythmisch stark an Tango und Bolero orientiert. Die kompositorisch vorgegebenen Elemente treten bei diesem Trio deutlich in den Vordergrund, die improvisatorischen Freiräume sind eher begrenzt vorhanden. Akustisch wie optisch hat der Saal seine Reize. Es lassen sich die Musiker:innen in den Wandspiegeln auch indirekt beobachten und es gibt architektonisch bedingt einen stärkeren Hall, als man ihn sonst bei Jazzkonzerten gewöhnlich wahrnimmt - durchaus ein schönes Ambiente auch für diese Art von Musik.
Mittwoch, 27. Mai 2026
Triol im Schl8hof Wels
Wie so viele Jazzbands aus Österreich ist auch dieses Trio in der Studienzeit (beim Studium an der BrucknerUni) entstanden. Die drei Tiroler Studenten haben sich zum Trio Tirol zusammengefunden und sich später in Triol umbenannt. Das sind Andreas Tentschert an Klavier und Synthesizer, Walter Singer am Kontrabass und Florian Baumgartner an den Drums. Die Band, die nur Eigenkompositionen zum Besten gibt, spielt Modern Jazz auf eine recht persönliche, eigenwillige Art. Dazu tragen auch die subtilen elektronischen Sounds des Pianisten bei, die manchen Stücken eine besondere Atmosphäre verleihen. Zwischen den Musikern herrscht Gleichberechtigung, wobei allerdings Andreas Tentschert doch den größeren Improvisationsspielraum zur Verfügung hat und dabei Vorbilder wie Herbie Hancock und McCoy Tyner aufblitzen. Seinen solistischen "Erzählungen" höre ich dabei gespannt zu. Überhaupt ist das Spiel der Gruppe vom Beginn bis zum Ende von Spannung und auch von überraschenden Wendungen geprägt. Ein wahres rhythmisches Glanzstück ist der Titel "Jazzi", ebenso rhythmisch stark bewegt geht es auch beim Stück "Shinkansen" zu, wobei der japanische Schnellzug in Wirklichkeit doch etwas ruhiger unterwegs sein dürfte. Auch Bassist und Schlagzeuger stellen ihre Solo-Künste unter Beweis. Als Zugabe gibt es ein wunderbares Arrangement der Jimi-Hendrix-Nummer "Hey Joe", mit dem das Konzert zur großen Zufriedenheit des erfahrenen Jazz-Publikums im Schl8hof Wels endet.
Dienstag, 26. Mai 2026
RAT Big Band mit George Nussbaumer und den Movida Sisters in der Spinnerei Traun
Der österreichische Soul- und Gospelsänger George Nussbaumer war mir bisher völlig unbekannt, und das, obwohl er im Jahr 1996 Österreich beim Eurovision Song Contest mit einem Lied in Vorarlberger Mundart vertreten hat. Nun erlebe ich den blinden Mann mit seiner beeindruckenden Stimme zum ersten Mal mit der RAT Big Band unter der Leitung von Hermann Miesbauer und den drei "Movida Sisters". Dieses große Musiker:innen-Aufgebot bietet ein buntes Programm von Songs aus dem Pop-, Soul- und Jazzbereich, darunter auch viele Titel, die auch Ray Charles interpretiert hat. Besonders freut es mich, dass dabei auch "The Long And Winding Road" von den Beatles, "Feels Like Home" von Randy Newman, "How Long Has This Been Going On?" von George Gershwin und "What A Wonderful World" (bekannt durch Louis Armstrong) erklingen. Die gelungenen Arrangements dazu haben George Nussbaumer und Hermann Miesbauer gemeinsam erarbeitet. Sowohl optisch als auch akustisch aufgewertet wird das Ganze durch die "Movida Sisters" mit ihrem gekonnten Close-Harmony-Gesang und einer ansprechenden Choreographie. Kurze Solo-Einlagen einzelner Bandmitglieder bereichern die Darbietung zusätzlich. Die Freude der Musiker:innen am Präsentieren dieses ausgesuchten Repertoires ist jeden Moment spürbar und lässt den Funken überspringen auf das Publikum im Saal der Spinnerei Traun, das den Aufführenden großen Beifall spendet.
Freitag, 22. Mai 2026
Hazmat Modine im Jazzit Salzburg
Es ist schon länger her (acht Jahre?), dass ich die New Yorker Band Hazmat Modine im Schl8hof Wels gesehen habe. Jetzt ist sie im Jazzit zu Gast. Die Band ist tief verwurzelt in der amerikanischen Folk-Musikkultur, im Blues und auch im Jazz, was sich auch an der Instrumentierung zeigt. Da gibt es eine Geigerin, die auch singt (Daisy Castro), einen Gitarristen und Sänger mit starkem Roots-Music-Einschlag (Erik Della Penna), einen Sousaphon-Bläser wie in den US-Marching-Bands (Kenneth Bentley Jr.), einen Schlagzeuger mit Latin-Erweiterung (Varun Das), eine Trompeterin (Pamela Fleming) und einen Saxophonisten (Steve Elson) wie aus einer Jazz-Band und schließlich den Frontman, Sänger und Mundharmonikaspieler (Wade Schuman), der auch den gekonnten Entertainer abgibt. Gute Unterhaltung ist überhaupt das Hauptanliegen des Septetts aus NYC, und das gelingt Hazmat Modine auch hervorragend. Sowohl die Qualität der Songs und ihre Betonung auf Rhythmik als auch die Offenheit für die Improvisationslust der Bandmitglieder tragen zur emotionalen Erweckung des Publikums vom ersten Takt an bei. Große Spielfreunde und große Freude beim Zuhören ergänzen und steigern sich zu einem wunderbaren Konzerterlebnis. Nicht allzu oft herrscht eine derartige Hochstimmung im vollen Jazzit-Saal.
Sonntag, 17. Mai 2026
Eugene Chadbourne & Dieter Schroeder in der Asta Kneipe Rosenheim
Warum verschlägt es mich nach Rosenheim in eine kleine Kneipe? Schuld daran ist mein Interesse an Eugene Chadbourne, bekannt durch seine Zusammenarbeit mit John Zorn oder Marc Ribot, dessen Europa-"Spring Can Really Hang You Up The Most"-Tour Österreich leider links liegen gelassen hat. Der in North Carolina lebende Gitarrist, Banjo-Spieler und Sänger hat sich eingehend mit Rock'n'Roll, Blues, Folk, Country & Western sowie Free Jazz und Noise beschäftigt und hat aus der Verbindung dieser Stile etwas ganz Eigenes gemacht. In der Asta Kneipe wird er unterstützt vom deutschen Schlagzeuger (Dieter) Schroeder. Er selbst spielt auf der E-Gitarre und auf einem 4-saitigen Banjo. Neben eigenem Material interpretiert er zum Beispiel den titelgebenden Song dieser Tournee und gleich darauf den "Summertime Blues" von Eddie Cochran, dem er eine Country-Schnulze (Willie Nelson's "My Broken Heart Belongs To You") folgen lässt. Sowohl seinen markanten Gesang als auch sein virtuoses, exaltiertes Saitenspiel setzt er dazu ein, die musikalischen Vorlagen zu dekonstruieren und auf seine schrullige Weise wieder zusammenzusetzen. Seine Improvisationen auf Gitarre und Banjo wirken dabei wie vertrackte Verschnörkelungen, die mich sogar etwas an Barockmusik erinnern. Obwohl es oft der Anschein entsteht, als würde er sich über die dargebotenen Sücke lustig machen, ist seine tiefe Liebe zu diesen Liedern deutlich zu spüren. In seiner Schlussnummer verbindet er schließlich scheinbar unüberwindliche Gegensätze wie Mordlust und Friedenssehnsucht und beendet das Ganze mit besten Neujahrswünschen. Sein musikalischer Partner am Schlagzeug meint über ihn, Eugene Chadbourne stelle beim Spielen immer noch so ziemlich alles in Frage, was er, Schroeder, über Musik zu wissen glaubte. Vielleicht ist es gerade das, was mich an Eugene Chadbourne so interessiert.
Samstag, 16. Mai 2026
Allan Praskin Quartett im Rossstall Lambach
Der aus Los Angeles stammende, 77-jährige Altsaxophonist Allan Praskin lebt schon seit über 50 Jahren in Europa (zurzeit in Berlin) und hat viele Jahre an der Bruckner-Uni unterrichtet. Hatte es sich in den 1960er noch dem Free-Jazz verschrieben, so spielt er nun Modern Jazz auf höchstem Niveau. Seine Mitglieder im Quartett sind die in der österreichischen Jazzszene beheimateten Oliver Kent am Klavier, Johannes Strasser am Kontrabass und Mario Gonzi am Schlagzeug. Sichtlich erfreut über diesen großartigen Rückhalt kann Praskin seine Improvisationskünste voll entfalten. Sein Spiel beeindruckt durch eine ganz eigenständige Phrasierungsweise und großer Kreativität. Er ist einer jener Sorte von musikalischen "Erzählern", denen ich stundenlang lauschen und auf die Finger schauen könnte. Neben ein paar Eigenkompositionen werden auch bekannte Stücke der Jazzliteratur interpretiert, wie z. B. Burt Bacharach's "Alfie", Cy Coleman's "Witchcraft", Duke Ellington's "Prelude to a Kiss" (eines meiner Lieblingslieder) und der schöne Jazz-Walzer "Fire Waltz" von Mal Waldron. Natürlich kommen auch Praskin's musikalische Partner mit viruosen Soloeinlagen voll zum Zug. Was insgesamt dabei herauskommt, ist Musik, wie ich sie mir schöner und gekonnter nicht vorstellen kann. Allen Praskin's Bühnenpräsenz zeigt mir einen Mann, dessen höchste Freude es ist, sich hier musikalisch entfalten und gleichzeitig die Begleitung seiner Band voll genießen zu dürfen. So viel Glück strahlt selten ein Musiker von der Bühne herab aus. Ebenso glücklich scheint die begeisterte Zuhörerschaft an diesem Abend im Rossstall Lambach gewesen zu sein.
Donnerstag, 14. Mai 2026
Marie Spaemann und Christian Bakanic im Kulturraum Alte Kirche Marchtrenk
Sowohl Marie Spaemann (Cello und Gesang) als auch Christian Bankanic (Akkordeon und E-Piano) kenne ich schon von früheren Auftritten. Als Duo sehe ich sie jetzt zum ersten Mal im Kulturraum Alte Kirche in Marchtrenk, die als Konzertsaal genutzt wird. Es ist ein recht gemischtes Programm, das die Beiden bieten. Instrumentalstücke mit häufigen Tango-Anklängen und klassisch-romantischen Passagen wechseln ab mit Liedern von Marie Spaemann, die Christian Bakanic dann am Klavier begleitet. Spaemann begleitet sich dabei auch selbst am Cello oder legt es auch einmal ganz weg. Stilistisch bewegen sich die Songs im Bereich Soul, Jazz und Pop. Inhaltlich sind sie oft recht philosophisch gehalten, reflektieren das gesellschaftliche Miteinander und bedienen auch Naturmetaphern. Das Cello wird mehr gezupft als gestrichen, wobei mir die langsamen Bogenstriche naturgemäß mehr unter die Haut gehen und Emotionen wecken. Die Affinität zum Tango, die beide nicht verleugnen können, zeigt sich auch nach lang anhaltendem Applaus bei der letzten Zugabe, der Tango Etüde Nr. 3 von Astor Piazolla. Mit dessen Kompositionen kann man mir die größte Freude bereiten.
Mittwoch, 13. Mai 2026
Nova im Schl8hof Wels
Eine Nova ist ein Helligkeitsausbruch in einem Doppelsternsystem und auch der Name eines Schweizer Jazz-Trios, das sich den Vorgängen im Weltall verschrieben hat und diese musikalisch darstellen will. Christian Zatta bedient dabei die E-Gitarre, Thomas Tavano den 6-saitigen E-Bass und Florian Hoesl das Schlagzeug. Was dabei heraukommt, ist eine durchaus wohltuende, melodiös schmeichelnde Musik mit Jazz-Rock-Anklängen und wunderbaren, elektronisch unterstützten Instrumenten-Sounds. Der Gitarrist und Bandleader Christian Zatta sticht dabei hervor mit virtuosem tonalen Spiel, dem ich "ewig" zuhören könnte, da seine solistischen Erzählungen nie langweilig werden. Auch der Bassist entwickelt bisweilen ein reges Eigenleben und zeigt unterschiedliche Formen des Bassspiels, Walking Bass und funky Bass-Lines inklusive. Auch das Schlagzeug kommt gelegentlich solistisch zum Zug. Meist herrscht allerdings gleichberechtigtes Treiben, das einen melodischen Teppich vor den Zuschauern ausbreitet, der durchaus auch überraschende Brüche beinhalten kann. Die Konzerte von Nova sind oftmals durch visuelle Effekte unterstützt und finden des Öfteren in Planetarien statt. Auch ohne diesen Weltall-Background - oder gerade deswegen - ergreift mich die Schönheit der Nova-Klänge recht direkt und erzeugt ein wohliges Gefühl in mir: Musik, die gut ist und gut tut. Was will ich mehr.
Montag, 11. Mai 2026
The King's Singers in der Stiftung Mozarteum Salzburg
Meine erste Aufmerksamkeit auf Acapella-Chöre erregten Anfang der 1970er die aus Chicago stammenden "The Singers Unlimited", die vor allem im Jazz-Genre angesiedelt waren. In diesem Zusammenhang sind mir allerdings damals auch schon "The King's Singers" aus England aufgefallen, die es nun schon seit ihrer Gründung im Jahr 1968 gibt. Von den Gründungsmitgliedern ist schon lange keiner mehr dabei. Ihr Repertoire ist sehr breit angelegt und reicht von klassischer Musik über Volkslieder bis zu Popmusik. Ihre Spezialität ist der Close-Harmony-Gesang, der im Jazz der 1920er bis 1940er Jahre z. B. bei den Andrew Sisters als beliebtes Stilmittel Verwendung fand. Das aktuelle Konzert der sechs Männerstimmen (Patrick Dunachie und Edward Button als Countertenöre, Julian Gregory als Tenor, Joseph Edwards und Nich Ashby als Baritone und Piers Connor Kennedy als Bass) im akustisch ausgezeichneten großen Saal der Stiftung Mozarteum widmet sich hauptsächlich Komponisten der Romantik (z. B. Ralph Vaughan Williams, Edward Elgar, Maurice Ravel). Feinste stimmliche Nuancen sind dabei in diesem Konzertsaal auch ohne elektronische Verstärkung gut wahrnehmbar. Von ihren Notenständern befreit legt das Sextett allerdings erst nach dieser Pflichtaufgabe so richtig (und auch mit Körpereinsatz) los. Jetzt darf sich das Publikum am beliebten Close-Harmony- Gesang erfreuen und auch Mozart wird seine Reverenz erwiesen. Der typische englische Humor fehlt bei diesem Auftritt natürlich auch nicht und äußert sich in launigen, deutschsprachigen Ansagen. Das Publikum im ausverkauften Mozarteum zeigt sich von dieser Vorstellung zurecht vollauf begeistert.
Freitag, 8. Mai 2026
Wolfgang Muthspiel Chamber Trio im Alten Kino St. Florian
Es hat ja relativ lange gedauert, bis ich den österreichischen Geitarristen Wolfgang Muthspiel zum ersten Mal live zu Gesicht bekommen habe, in letzter Zeit haben sich meine Muthspiel-Sichtungen allerdings gehäuft. Mit seinem "Chamber Trio" ist er mir jetzt zum ersten Mal begegnet. Es besteht aus dem Schweizer Pianisten Colin Vallon und dem mir recht gut bekannten steirischen Trompeter Mario Rom. Die drei Instrumentalisten wirken recht organisch zusammen und ergänzen sich gegenseitig zu einem Klanggebilde der recht angenehmen Art. Meist sticht Wolfgang Muthspiel mit seinen Improvisationen auf der Gitarre hervor, bisweilen Mario Rom mit seiner Trompete, eher selten tritt Colin Vallon am Flügel solistisch in Erscheinung. Die Kompositionen sind rhythmisch meist recht anspruchsvoll mit allerhand weltmusikalischen Einflüssen. Während Trompete und Klavier völlig ohne elektronische Hilfsmittel auskommen, setzt Muthspiel bisweilen doch auf subtile elektronische Unterstützung, auch was das fehlende Schlagzeug betrifft. Es ist nicht der Abend großer Ausbrüche, sondern der Schönheit und Virtuosität im begrenzten Rahmen, Kammerjazz also, wie ihn ja schon der Bandname verspricht. Das Publikum belohnt die Musizierenden mit höchster Aufmerksamkeit und viel Applaus am Ende des Konzerts.
Donnerstag, 7. Mai 2026
Nils Petter Molvaer Trio im Jazzit Salzburg
Der norwegische Trompeter Nils Petter Molvaer ist bereits 1997 mit seinem Album-Debut "Khmer" in Erscheinung getreten, das auch gleich den Preis der deutschen Schallplattenkritik einheimste. Fast 30 Jahre später erlebe ich den Norweger nun mit seinem Trio (Jo Berger Myhre, Bassgitarre und Erland Dahlen, Percussion) im Salzburger Jazzit zum ersten Mal live. Er hat einen eigenen, unverkennbaren Stil entwickelt, der auf elektronische Hilfsmittel sowohl beim Trompetensound wie auch im Bassbereich setzt. Heraus kommen dabei einerseits sphärische Trompetenklänge und Dub-Elemente bei den tiefen Frequenzen. Das Ganze hat eine magische Anziehungskraft und kann durchaus tranceartig wirken. Die Bandbreite, was Intensität und Lautstärke betriffe, ist enorm und reicht von sanften, melodischen Tönen bis zu exsaltierten Ausbrüchen aller Beteiligten. Was die Soundgebung anbelangt, ist alles genauestens kalkuliert, nichts passiert zufällig. Die dem Jazz eigene Improvisation hat dabei Raum genug, um sich zu entfalten, und zwar bei allen Bandmitgliedern. Der Percussionist und Schlagzeuger hat dafür auch ein besonders breites Angebot an metallischen Klängen (wie z. B. große Glocken) zur Verfügung. Selten erzeugen Klänge bei mir derart angenehme Gefühle wie jene dieses Trios. Es ist, als würde ich ein Klangbad nehmen. "Future Jazz" nannte die Kritik das, was Nils Petter Molvaer hervorgebracht hat. Eine Zukunft voller Schönheit und Wärme.
Montag, 4. Mai 2026
Frankie & Kelman Duran, pmxper und Alan Sparhawk (of Low) im Klangraum Krems
Für mich ist es nun schon zur angenehmen Gewohnheit geworden, jedes Jahr einen Konzertabend beim Donaufestival zu verbringen, und zwar im Klangraum Krems, der reizvollen, zur Konzertlocation umfunktionierten Minoritenkirche in Stein an der Donau. Dieses Mal sind drei Liveacts am Programm. Das Duo Franziska Aigner (alias Frankie, Cello und Gesang) und der aus der Dominikanischen Republik stammende Kelman Duran (Electronics) und pmxper, bestehend aus Pavel Milyakov (E-Gitarre) und Aleksandra Zakharenko (alias Perila, Electronics und Stimme) verfolgen ähnliche Projekte. Elektronische, besonders bei Kelman Duran recht basslastige Sounds werden kombiniert mit ebenfalls elektronisch verfremdeten Instrumenten und Stimmen. Ins Rhythmische verfallen beide Duos kaum, vielmehr werden Soundteppiche gelegt, auf denen zusätzliche vokale und instrumentale Ereignisse stattfinden. Dramaturgisch hatten Frankie & Kelman Duran dabei mehr zu bieten als pmxper. Das Cellospiel von Frankie hat mich dabei stärker beeindruckt als Milyakov's Gitarrensounds. In eine ganz andere Richtung geht es dann beim Trio (E-Gitarre, E-Bass, Schlagzeug) des US-amerikanischen Gitarristen und Sängers Alan Sparhawk. Herzzerreißend vorgetragene, melodisch einfache Songs sind das Markenzeichen Sparhawk's in Verbindung mit ins Extreme verfallenden, lang anhaltenden Gitarren- und Schlagzeugausbrüchen. Obwohl die Melodien einfach gestrickt sind, ist immer ein schräger, irritierender Unterton dabei, der sie zu anspruchsvollen Kunstwerken werden lässt. Alan Sparhawk (den ich bisher nicht gekannt habe) ist ein Künstler, der mir viel zu sagen hat und dessen musikalischen Erzählungen ich ergreifend finde. Der dritte Tag des insgesamt sechstägigen Festivals findet damit seinen krönenden Abschluss.
Sonntag, 3. Mai 2026
Debasish Gangopadhyay & Paul Zauner im Rossstall Lambach
Seit ich in den 1970er Jahren Ravi Shankar, den bekanntesten Vertreter klassischer indischer Musik, auf Platte gehört habe, hat mich die Faszination dieser Musik nicht mehr losgelassen. In den 1980ern hatte ich dann das erste Mal die Gelegenheit, indische Musiker live auf der Bühne im Kammerhofsaal in Gmunden zu erleben. Dank des Inntöne-Organisators und Posaunisten Paul Zauner kann ich nun schon zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit den Sitar-Virtuosen Debasish Gangopadhyay im Rossstall Lambach bestaunen. Die ersten 40 Minuten bestreitet dieser durchgehend allein auf seinem komplexen, an Obertönen reichen Instrument. Anfangs zart, langsam und sparsam an Tönen entfaltet sich ein immer facetten- und variantenreicheres Klanggemälde, das die gesamte Bandbreite des Instruments ausschöpft, in höchster Intensität gipfelt und allmählich wieder zur angestammten Ruhe zurückkehrt. Nach dieser musikalischen Höchstleistung ist erst einmal Pause. Im zweiten Set gesellt sich dann Paul Zauner auf der Posaune dazu und jazzigere Klänge verbinden sich organisch mit den Sitar-Lauten, ein magisch anmutendes Miteinander entsteht. Den Abschluss des Konzerts bildet wieder ein Solo-Vortrag von Debasish Gangopadhyay. Was das Sitar-Spiel musikalisch so interessant macht, ist neben des Oberton-Reichtums auch die Möglichkeit durch das seitliche Ziehen der Saiten auf den Bünden die Tonhöhe fließend zu zu verändern, was Verzierungen und Glissandi ermöglicht. Dass musikalische Welten nicht so weit auseinander liegen, wie man vielleicht glauben könnte, beweist dieses Konzert. Im Gegenteil, Musik ist jene Kraft, die die Welt vereint.
Mittwoch, 29. April 2026
"Die dritte Luft oder Eine Bühne am Meer" von Christoph Ransmayr
Immer wieder einmal werde ich gefragt, was denn "Die dritte Luft" (so der Name dieses Kultur-Blogs) bedeute und was denn die anderen zwei Lüfte seien. Inspiriert hat mich bei der Titelwahl die Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 1997 des österreichischen Schriftstellers Christoph Ransmayr, die im gleichen Jahr auch als 26-seitiges Büchlein im S. Fischer Verlag erschienen ist. Darin ist von einer Plattform am Meer an der Südküste von Irland die Rede, die früher als Bühne für allerlei kulturelle Veranstaltungen genutzt worden ist. Sie ist jetzt verwaist, der Besitzer hat die Liegenschaft verkauft, als er nach Australien ausgewandert ist, die aktuelle Besitzerin ist eine kranke Greisin, die der Erzähler mit deren Sohn besucht. In indirekter Rede zitiert nun der Erzähler ihren Sohn. "Jeder Mensch lebe schließlich bis zu seinem Ende in drei Lüften." Die erste sei die des Anfangs, der Geruch der Haut der Mutter, die zweite sei die der weiteren Umgebung, der Natur und der menschlichen Aktivität. "Aber erst in der dritten Luft werde ergänzt und hinzugefügt, was zum vollständigen Bild der Welt noch fehle, erst in der Luft der Plattformen, Tanzsäle und Theater, der Kinos und wohl auch rauchiger Pubs, der Luft der Geschichten und der Verzauberung des Lebens in Lieder, verwandle sich beispielsweise ein ganzes Meer in ein einziges Wort, in eine Melodie, und rausche aus diesem Wort wieder hervor." Von dieser Luft berichtet dieser Blog.
Lady Blackbird im Jazzit Salzburg
"Lady Blackbird", eine Sängerin aus Los Angeles war mir bisher unbekannt. Nun habe ich sie bei ihrem (ausverkauften) Auftritt im Jazzit Salzburg kennengelernt. Mit sparsam besetzter Band (Chris Seefried, Gitarren und Klavier, Jon Flaugher, E- und Kontrabass, Tamir Barzilay, Schlagzeug) tritt Marley Munroe (ihr bürgerlicher Name) mit schriller, weißer Afro-Perücke auf die Bühne. Schon nach den ersten Liedzeilen scheint es mir, als würde ich die längst verstorbene Ikone Nina Simone hören, so stark ähneln sich die beiden Stimmen. Und auch stilistisch, was Soul und Gospel anbelangt, gibt es große Ähnlichkeiten. Kein Wunder also, dass schon das zweite Lied eine Coverversion von Nina Simone's "Blackbird" ist, von dem sich auch der Künstlername "Lady Blackbird" herleitet. Besonders beeindruckt haben mich die Gospel-Walzer-Stücke der Sängerin. Allerdings kann die Band auch funkige Töne anschlagen und rocken, z. B. bei der Beatles-Coverversion von "Come Together". Neben eigenen Songs erweist Marley Munroe auch noch David Bowie und Bob Dylan mittels Coverversionen die Ehre. Der Kontakt zwischen "Lady Blackbird" und dem Publikum kann an diesem Abend besser nicht sein. Die Hochstimmung überträgt sich wechselseitig. Selbstermächtigung ist ein dominierendes Thema der Lieder, das schließlich auch im letzten Stück zum Ausdruck kommt, dem wunderbaren "I Am What I Am" aus dem 1980er-Musical "La Cage aux Folles", das die "Disco-Queen" Glora Gaynor berühmt gemacht hat. Ein berührender Abend, ein Fest voll positiver Stimmung geht damit zu Ende.
Sonntag, 26. April 2026
Der Nino aus Wien und Milan Begovic im Schauspielhaus Linz
Er ist einer meiner am öftesten live gehörten Musiker, und dennoch zieht es mich immer wieder hin zu seinen Auftritten, dieses Mal vor allem deshalb, weil sich Der Nino aus Wien im Schauspielhaus Linz von einem Pianisten (Milan Begovic) begleiten lässt, ganz im Stil eines intimen Liederabends. Einige Lieder klingen neu für mich, die meisten kenne ich allerdings schon durch seine Auftritte mit seiner Band. Nino's Lieblingslieder, die auch mir am besten gefallen, klingen durch die Klavierbegleitung noch lyrischer, noch sentimentaler, noch poetischer. Seinem Gesangsstil, der mich etwas an Bob Dylan erinnert, bleibt er auch in diesem Setting treu. Das tut er auch, als er sich auf Anregung des Pianisten dazu hinreißen lässt, auch zwei Lieder von Franz Schubert zu interpretieren, u. a. "Das Wirtshaus" aus der "Winterreise". Wirklich wohl fühlt sich Nino Mandl (so sein bürgerlicher Name) und auch ich mich, wenn er seine eigenen Songtexte vorträgt. "Unter Fischen", "Der Mai ist vorbei" (beruhend auf Bob Dylan's "Simple Twist Of Fate"), "Plurabelle", "Taxi Driver", "Es geht immer ums Vollenden" und schließlich das "Praterlied" sind schon seit Längerem zurecht die Fixpunkte und Highlights in seinem Programm. Und dabei macht es auch keinen allzu großen Unterschied, mit welcher Instrumentierung und Besetzung sie vorgetragen werden. Es sind einfach Perlen der deutschsprachigen Songwriting-Kunst, die ich nicht oft genug hören kann.
Samstag, 25. April 2026
Elias Stemeseder & Georg Vogel im Jazzit Salzburg
Die beiden jungen Pianisten mit Salzburger Wurzeln habe ich schon jeweils unabhängig voneinander erlebt und schätze sie sehr. Nun sehe ich sie zusammen als Duo an zwei Flügeln im Jazzit. Sie präsentieren eine Erweiterung ihres schon 2022 vorgestellten Repertoirs mit dem Namen DDIOFEO. Es ist ein Programm, das vom ersten Takt an Spannung vermittelt und volle Aufmerksamkeit fordert. Die Kompositionen sind komplex und verweisen auf unterschiedliche Genres und Vorbilder. Sie klingen jedenfalls recht modern und atonal. Eine erinnert mich dennoch sofort an Johann Sebastian Bach, eine andere beginnt sogar (ausnahmsweise) zu swingen. Die Pianisten teilen sich die "Arbeit". Manchmal verharrt einer still, während der andere spielt, manchmal übernimmt einer die Begleitung, während der andere am Improvisieren ist. Oft improvisieren beide. Jedenfalls besteht genug Platz für virtuose solistische Ausflüge, die so ziemlich alles ausloten, was das Instrument hergibt. Bisweilen steigert sich auch die Intensität, ebbt dann wieder ab. Die Stücke erfordern von den Ausführenden vollste Konzentration. Recht spielerisch wirkt schließlich am Ende der Vorstellung die Zugabe, die Erkennungsmelodie des Tommy Dorsey Orchesters aus den frühen 1930er Jahren "I'm Getting Sentimental Over You". Die Swing-Jazz-Wurzeln werden trotz anspruchvollster Modernität schließlich doch nicht verleugnet.
Freitag, 24. April 2026
Amor & Psyche? im Musiktheater Linz
Obwohl ich in meiner Jugend so gut wie gar nicht sozialisiert worden bin, was Ballett anbelangt, so entwickle ich mich mit fortschreitendem Alter immer mehr zum Ballett-Liebhaber. Vielleicht weil es eine wesentlich offenere Kunstform ist als z. B. Sprech- und auch Musiktheater. Und es funktioniert mit Musik, meiner präferierten künstlerischen Ausdrucksform. Was macht nun das Ballettstück "Amor & Psyche?" von Jeroen Verbruggen so speziell? Es sind natürlich in erster Linie die Choregraphie für die 14 beteiligten Tänzer:innen und deren künstlerisch-athletischen Leistungen. Viele der Figuren spielen sich am Boden ab, das Stück ist sozusagen recht "geerdet", obwohl es bisweilen auch zu dramatischen Zuspitzungen und Höhenflügen kommt. 70 Minuten lang herrscht ständige rasante Bewegung, langsame Passagen sind selten. Die junge Frau mit der Aktentasche (Psyche) verfällt schließlich dem Mann mit dem Pfeil (Amor) und macht eine Wandlung und Reifung durch. Musikalisch ist das Werk ebenfalls recht interessant. Das Bruckner-Orchester, geleitet von Ingmar Beck, intoniert recht unterschieliche Genres von Musik von der Klassik über die Romantik bis zur Moderne. Eine wunderbare Version von "Greensleevs" ertönt unter anderem und dann lateinamerikanische Rhythmen von Jimmy López. Dazwischen gibt es Stücke von Charles Ives, Gabriel Faurè, Maurice Ravel, Ralph Vaughan Williams, Thomas Adès, Lukas Foss und Johann Paul von Westhoff. Nicht alles macht das Brucknerorchester selbst. Manches wird auch per Playback zugespielt, z. B. ein berührendes Lied der griechischen Sängerin Alkistis Protopsalti. Musik und körperlicher Ausdruck durch Bewegung sprechen einen Bereich im Menschen an, der sich weit davon entfernt befindet, was wir rational begreifen können. Vielleicht ist es gerade das, was mich an Musikballett so berührt.
Mittwoch, 22. April 2026
LUTrio im Schl8hof Wels
Kennengelernt haben sich die Drei an der Kunstuni Graz und bilden schon seit zehn Jahren ein Jazz-Trio, das die Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen trägt (Lukas Kleemair am Schlagzeug, Urs Hager am Klavier und Tobias Steinrück am Kontrabass). Dass sie alte Jazz-Standards immer noch beherrschen, zeigen die Musiker gleich zu Beginn mit "No Moon At All". Später gibt es dann viel Eigenes, vor allem recht komplexe Kompositionen des Pianisten, dann wieder Material von Wayne Shorter (Infant Eyes), Erik Satie und den Beatles (Blackbird). Das virtuose und ideenreiche Klavierspiel von Urs Hager hat mich dabei am meisten angesprochen. Er hat das Geschichten-Erzählen am Klavier drauf. Zwar selbst sehr angetan von McCoy Tyner ist er eher der Pianist der sanfteren Töne eines Bill Evans oder Keith Jarrett. Auch die unaufgeregte, originelle und präzise Spielweise von Lukas Kleemaier am Schlagzeug gefällt mir und ebenso macht der Bassist seinen Job ausgezeichnet. Freiraum fürs Improvisieren hat der Pianist jedenfalls genug und auch seine Mitspieler dürfen sich hin und wieder einmal austoben. Die Musik ist aus einem Guss, die Band versteht sich blind, sie ist ein eingespieltes Team und fühlt sich im Rahmen der Musikwerkstatt Wels sichtlich wohl. Das aufmerksame Publikum im Schl8hof Wels zeigt sich jedenfalls sehr zufrieden mit dem Gebotenen und ich bin es auch.
Sonntag, 19. April 2026
Cartoon-Show mit Musik im Kino Ebensee
Als langjähriger Profil-Abonnent haben mich die Zeichnungen des Linzer Karikaturisten Gerhard Haderer immer wieder sehr belustigt. Ebenso begeistert hat mich von Anfang an das Musiker-Duo "Attwenger" mit dem Sänger und Harmonika-Spieler Hans Peter Falkner. Nun bietet sich die Gelegenheit, beiden Künstlern gemeinsam auf der Bühne im Kino Ebensee zu begegnen. Jeder bedient abwechselnd sein eigenes Genre: Gerhard Haderer zeigt und kommentiert eine Auswahl seiner Werke (Cartoons für Zeitschriften und für seine eigenen MOFF.-"Schundhefte") und Hans Peter Falkner singt und spielt Lieder aus dem "Attwenger"-Repertoire. Beides ist gleichermaßen unterhaltsam, wobei mich natürlich die Musik noch mehr anspricht als die Bilder und Bildgeschichten, vor allem wenn es sich um Stücke aus dem ersten "Attwenger"-Album "most" handelt, mit dem ich schöne Erinnerungen verbinde. Auch ein neues, noch unveröffentliches Lied trägt Hans Peter Falkner vor, in dem es in über 70 Strophen (und 12 Minuten Aufführungsdauer) um unzählige Gegensatzpaare geht zwischen dem, was man eigentlich will, und dem, was man tatsächlich bekommt. Der Interpret mutet sich und dem Publikum allerdings nur etwa die Hälfte davon zu. (Ich hätte gern alles gehört.) Der Rest lässt sich allerdings dann in seinem angekündigten neuen Buch nachlesen. Auch nur die eine Hälfte von "Attwenger" schätze ich sehr, die kompletten "Attwenger" natürlich ebenso.
Samstag, 18. April 2026
Christian Marien Quartett im Jazzit Salzburg
Der deutsche Schlagzeuger Christian Marien, den ich früher schon mit der Insomnia Brass Band im Schl8hof Wels gehört habe, ist nun mit seinem eigenen Quartett im Jazzit Salzburg zu Gast. Tobias Delius spielt Tenorsax und Klarinette, Antonio Borghini den Kontrabass und Jasper Stadhouders die Gitarre. Schon mit den ersten Tönen wird recht klar, wohin die (musikalische) Reise geht. Kompositionen mit recht offenen Strukturen werden geboten, die viel freien Raum für kollektive als auch solistische Improvisation bieten und sich durch höchste Intensität auszeichnen. Der Gitarrist macht von seiner Freiheit regen Gebrauch und erinnert mich an Fred Frith, wenn er seine Gitarre mit Metallstäben und einem Esslöffel traktiert, um ihr schrille Sounds zu entlocken. Das macht auch Tobias Delius auf seine Art und Weise am Saxophon wie auch auf der Klarinette. Er reizt die Möglichkeiten dieser Instrumente aus, indem er z. B. der Klarinette die höchstmöglichen Töne durch mehrfaches Überblasen entlockt. Bisweilen erinnert er mich auch an den verstorbenen Peter Brötzmann mit seinem Saxophongebrüll und sogar an den legendären Albert Ayler, wenn er bisweilen ins Hymnische verfällt. Für die rhythmischen Finessen sorgen naturgemäß Bass und Schlagzeug. Das Quartett verbindet die einzelnen Stücke oft mittels fließender Übergänge, was dies Spannung über einen längeren Zeitraum aufrecht erhält. Höchste Virtuosität, eine extreme Klangdichte und großer Einfallsreichtum zeichnen diese Band aus. Sie bietet ein musikalisches Erlebnis, das man nicht allzu oft erfährt.
Freitag, 17. April 2026
Voodoo Jürgens im Posthof Linz
Der österreichische Liedermacher Voodoo Jürgens ist für mich kein Unbekannter. Ich habe ihn bereits solo als auch mit seiner "Ansa Panier" live zu hören bekommen. Dennoch bin ich neugierig, was David Öllerer (sein bürgerlicher Name) zurzeit zu bieten hat, und das ist, um es gleich vorweg zu nehmen, noch mehr Qualität als je zuvor. Sein Hit aus dem Jahr 2016 "Heite grob ma Tote aus" erklingt daher auch gleich am Anfang, der Raum für seine neuen Songs des Albums "Gschnas" steht offen. Rhythmisch recht variabel werden Lieder im Wiener Dialekt präsentiert, die sich meist mit den Schattenseiten menschlicher Existenz beschäftigen und damit, wie das Leben so spielt. "De An und de Aundan", "Da Dings", "Da Zweifl" und "Ka Ruah" sind für mich die Highlights des neuen Programms. Die "Ansa Panier" trägt ihren Namen zurecht, Sie kann richtig Druck machen, gewaltig rocken und besticht auch emotional, wobei mich Alexander Kranabetter an das Trompetenspiel von Sven Regener bei Element Of Crime erinnert. Je nach Stimmung wechselt Martin Scheer zwischen E-Bass und Kontrabass, Matthias Frey zwischen Violine und E-Gitarre. Schlagzeuger David Schweighart sorgt für den klaren und kraftvollen Beat, Bernd Lichtscheidl für den Keyboard-Sound. Bob Dylan klingt für mich durch und nicht zuletzt erinnert mich der aktuelle Voodoo Jürgens sogar etwas an den verstorbenen Ludwig Hirsch. Mehr als je zuvor hat mich Voodoo Jürgens mit der Ansa Panier im fast ausverkauften Posthof Linz dieses Mal beindruckt.
Donnerstag, 16. April 2026
Carminho im Wiener Konzerthaus
Seit ich Fado zum ersten Mal in den frühen 1990ern auf einem Vinyl-Album kennengelernt habe, lässt mich die Faszination dieser Musik nicht mehr los. Nach mehreren, in Österreich eher seltenen Fado-Konzerten, komme ich nun in den Genuss von Carminho, einer bekannten Fadista aus Lissabon. Sie hat eine fünfköpfige Begleitband in den großen Saal des Wiener Konzerthauses mitgebracht, die den wunderbaren Rahmen für ihren Gesang bietet. Neben den vier Gitarren sorgt noch ein Keyboarder mittels mehrerer exotischer Tasteninstrumente (Mellotron, Ondes Martenot und Cristal Baschet) für ein breites, sanft-fülliges, melodisches Klangspektrum. Carminho macht mit ihrem Gesang das, was für den Fado charakteristisch ist: diese hochemotionale Steigerung des Ausdrucks, dieses "Schmachten", wie ich es gerne nenne, das gleichsam in einer wohltuenden Erschöpfung endet. Carminho geht allerdings mit ihrem Repertoire deutlich über das Grenzen des traditionellen Fado hinaus und präsentiert sich auch als talentierte Singer-Songwriterin mit popigen Anklängen. Sie fühlt sich sichtlich wohl im großen Ambiente des Konzerthauses und bringt dies in ihren ausschweifenden Zwischenansagen immer wieder zum Ausdruck. Zuletzt will sie noch die hochgelobte Akustik des Saals auf die Probe stellen, indem sie jeglicher Elektronik den Strom abdreht und ihre Stimme und die Instrumente rein akustisch ertönen. Das Publikum macht keinen Mucks und das Experiment gelingt. Ein Abend voller positiver Emotionen geht mit großem Applaus und mehreren Zugaben zu Ende.
Dienstag, 14. April 2026
Tortoise im Jazzit Salzburg
Bereits in den 1990er Jahren haben Tortoise aus Chicago Berühmtheit erlangt, weil sie als Begründer des Post-Rock gelten. Allerdings habe ich erst jetzt die Gelegenheit, diese fünf Männer live zu erleben (Dan Bitney, John Herndon, Doug McCombs, John McEntire und Jim Elkington). Außer den zwei Drumsets funktionieren in dieser Band alle Instrumente elektronisch, seien es die E-Gitarren oder mehrere Synthesizer-Keyboards und sogar ein Percussion-Pad. So ausgerüstet lassen sich alle möglichen Sounds erzeugen, wobei Bässe (womit auch immer produziert) die dominierende Grundlage bilden. Bässe übernehmen hier meist die Lead-Funktion, d. h., sie führen ein starkes Eigenleben. Über der Grundlage von Bass und Schlagzeug erklingen einfache Tonfolgen mittels E-Gitarre und Keyboards. Die Musik kommt schwerlastig daher, fühlt sich oft bleiern an, lebt von vielen Wiederholungen mit nur kleinen Veränderungen und erinnert mich daher auch phasenweise an Minimal Music eines Philip Glass. Ein paar rhythmischere Nummern gibt es dann doch auch, die mich etwa zum Mitwippen bringen und leichte Anklänge an Tex-Mex-Musik aufweisen. Interessant ist auch der oftmalige Positionswechsel der Musiker, eine Art Instrumentenkarussell, bei dem der Keyboarder zum Schlagzeuger wird oder umgekehrt. Immer wieder entstehen Phasen erhöhter Intensität, es bauen sich Spannungen auf, die sich wieder entspannen. Was dominiert, ist allerdings diese gemächliche Schwere, die sich tatsächlich mit dem Gang einer 300-Kilo-Landschildkröte vergleichen lässt, gut geerdet auf jeden Fall. Tortoise ist schon der richtige Bandname.
Sonntag, 12. April 2026
Amalie Dahl's Dafnie im Kulturpool Gusental
Am Beckenboden des zum Konzertsaal umgestalteten Hallenbads in Gallneukirchen (Kulturpool Gusental) gibt es immer wieder Erstaunliches zu hören. Die gebürtige Dänin und nun in Oslo aktive Saxophonistin und Komponistin Amalie Dahl ist mit ihrem Quintett Amalie Dahl's Dafnie zu Gast. Dabei sind am Schlagzeug Veslemøy Narvesen, am Kontrabass Nicolas Leitrø, an der Posaune Jørgen Bjelkerud und an der Trompete Oscar Andreas Haug. Treibende Kraft der Band ist die Rhythmusgruppe mit Bass und Schlagzeug, die sowohl in der Lage ist, extreme Tempi zu verfolgen, als auch mit ostinatem Spiel die solierenden Bläser:innen zu begleiten. Besonders der Bassist hat mich mit seinem präzis-markanten Tönen beeindruckt. Die Kompositionen sind sehr abwechslungsreich. Schnelle, an Bebop erinnernde Nummern wechseln ab mit eher elegisch klingenden, auf wenige Tonfolgen basierenden Stücken. Im Laufe der Kompositionen treten dabei immer wieder Trios mit Rhythmusgruppe und Bläsern hervor. Markant ist auch das Experimentieren mit der Tonerzeugung auf den Blasinstrumenten, das alle verfügbaren Möglichkeiten der Instrumente auslotet. Breiter Raum für Improvisationen der Beteiligten steht dabei offen. Die Gruppe erreicht damit einen recht eigenständigen Stil, der von rhythmischer Beschwingtheit bis zur bloßen Erzeugung von Geräuschen alles bieten kann. Amalie Dahl's Dafnie sorgt somit vom Anfang bis zum Ende des Konzerts für Spannung und konzentrierte Aufmerksamkeit beim begeisterten Publikum. Eine derart junge Band mit diesen Möglichkeiten und dieser Reife im musikalischen Ausdruck hat Seltenheitswert. Da macht das Zuhören wirklich große Freude.
Samstag, 11. April 2026
Domo Emigrantes im Schloss Traun
"Domo Emigrantes" nennt sich ein Quartett von Musikern aus dem Raum Mailand, das zu Gast im Schloss Traun ist. "Die von zu Hause Ausgewanderten" sind Norditaliener mit süditalienischen und sizilianischen Wurzeln, die sich der Tradition mediterraner Volksmusik verschrieben haben. Sie geben sowohl Eigenes als auch viel an Traditionellem Liedgut zum Besten. Stefano Torre ist der Leadsänger und Gitarrist der Gruppe, der bisweilen auch auf die Bouzouki wechselt, wenn es um griechischen Einfluss geht. Eine seiner Spezialitäten ist auch die sizilianische Flöte. Filippo Renna ist der Percussionist der Band, Andrea Dall'Olio spielt Violine und Vittorio Tauro das Akkordeon. Volksmusik aus Süditalien hört man nicht so oft bei uns in Österreich und schon gar nicht mit einer derart authentischen Note wie von diesen Musikern. Wunderbare Rhythmen und Melodien voller Emotionalität berühren die Herzen des Publikums, das der Aufforderung mitzuklatschen nur allzu gerne nachkommt. Die Grenzen der Volksmusik werden erweitert, indem das im Jazz übliche Improvisieren insbesondere von Geige und Akkordeon ein zusätzliches Stilmittel bildet. Zuletzt mischen sich die Musizierenden unters Publikum und die Darbietung endet in einem sizilianischen Volksfest, bei dem es keinen mehr auf seinem Sitz hält.
Freitag, 10. April 2026
Gusset im OKH Vöcklabruck
Gusset nennt sich das Quintett des Schlagzeugers Jakob Peham, das im Rahmen von "thursdays4jazz" in der OKH-Bar in Vöcklabruck einen Auftritt hat. Neben dem Bandleader spielt Michael Gramer das E-Piano, Luca Weigl den Kontrabass, Peter Nickel die Posaune und Mira Gregoric die Violine. Etwas kammermusikalisch anmutend spielt die Band sowohl Eigenkompositionen als auch Kompositionen von Christoph Cech wie "Common Ground" oder "Man Facing North", Repertoire aus der "Linzer Schule" der Bruckner-Uni. Am deutlichsten wird der Jazz-Charakter der Aufführung durch die Improvisationen der Bandmitglieder, die in den Stücken reichlich Platz finden. Komplexe Strukturen und viele Rhythmuswechsel prägen die experimentierfreudigen und grenzüberschreitenden Werke. Der Abend zeigt das hohe Niveau, auf dem sich die junge Generation österreichischer Jazz-Musiker:innen befindet und wie stark sie sich von althergebrachten Jazz-Mustern emanzipiert hat. Die Besucher dieses Abends und auch ich wissen das zu schätzen.
Mittwoch, 8. April 2026
Origina1Nerd im Schl8hof Wels
Den Strom hätte man den fünf jungen Musikern von "Origina1Nerd" nicht abdrehen dürfen. Denn ein wesentlicher Teil des Klanggeschehens beruht auf elektronischer Unterstützung. Sei es der E-Bass von Jakob Gönitzer, das Keyboard von Thomas Quendler, die E-Gitarre von Andreas Erd und sogar das Tenorsaxophon von Max Glanz, das ebenfalls elektronische Beigaben beansprucht. Lediglich Jonas Kocnik am Schlagzeug ertönt rein akustisch. Was die Band bietet, beruht auf Jazz-Rock-Fusion, der das Quintett seinen eigenen Stempel aufprägt, einerseits durch sein ausgeklügeltes Sounddesign, durch raffinierte Kompositionen mit Abwechslungsreichtum und emotionaler Tiefe. Max Glanz's Saxophonspiel ist ausdrucksstark, verliert dabei allerdings nie die solide Bodenhaftung, es kann - was ich besonders schätze - Geschichten erzählen. Andreas Erd spielt seine Gitarre in der Manier eines Rockgitarristen, virtuos und überschwänglich in seinen Solis. Auch Thomas Quendler brilliert gelegentlich durch seine Improvisationen, ebenso Bassist und Schlagzeuger. Die Band spielt auf einem erstaunlich hohem Niveau und hat sich einen eigenständigen Sound erschaffen, der das Publikum im Schl8hof Wels und auch mich beeindruckt.
Freitag, 3. April 2026
"Come From Away" im Musiktheater Linz
Musicals sind nicht meine erste Wahl, wenn es um musikalische Darbietungen geht. Dennoch schenke ich auch immer wieder dieser Kunstsparte meine Aufmerksamkeit. Das Musiktheater Linz bietet dazu gute Gelegenheiten. "Come From Away", ein 2017 uraufgeführtes Musical eines kanadischen Künstler:innen-Ehepaars läuft dort gerade recht erfolgreich. Es erzählt die wahre Geschichte der kanadischen Kleinstadt Gander, wohin nach den Anschlägen des 11. September 2001 39 Passagierflugzeuge umgeleitet worden sind. Die Bevölkerung dort ist plötzlich mit der Herausforderung konfrontiert, Tausende Gestrandete vorübergehend aufzunehmen und zu versorgen. Was das mit der Bevölkerung und den Passagieren macht, zeigt dieses Stück eindrucksvoll. Um es gleich vorwegzunehmen, Humanität und Hilfsbereitschaft siegen, Vorurteile werden abgebaut, Beziehungen und sogar Liebesbande bilden sich. Das Ganze spielt sich auf statischer Bühne ab, nur der Hintergrund verändert sich jeweils leicht. Getragen wird die Handlung von gesungenen Dialogen zwischen den Beteiligten, einer Folkrock-Band beiderseits der Bühnenmitte und einem rasenden Tempo mit viel Bewegung und Tanz, das keine Sekunde Langeweile aufkommen lässt. Für eine Pause ist dabei auch kein Platz. Nach fünf Tagen erzählter Zeit (und ca. zwei Stunden Aufführungsdauer) ist der Spuk vorbei. Mittels Menschlichkeit und Zusammenhalt sind die Beteiligten aus dieser Notsituation gestärkt hervorgegangen. Die vermittelten Werte wie Positivität, Humor, Handlungsbereitschaft und Lebendigkeit sind wahrscheinlich auch die Grunde für den Erfolg dieses Musicals. Die großartigen künstlerischen Leistungen des Ensembles natürlich ebenfalls. Am Schluss tanzen dann noch alle Darsteller:innen nach Celtic-Rock-Rhythmen und das Publikum applaudiert begeistert und zufrieden.
Donnerstag, 2. April 2026
Ian Fisher in der Kurdirektion Bad Ischl
Den in Wien lebenden und aus Missouri stammenden Singer-Songwriter Ian Fisher habe ich bisher nicht gekannt. Schnell wird mir bei seinem Solo-Aufritt mit Akustik-Gitarre allerdings klar, wohin die Reise geht. "Die Gedanken sind frei", verkündet Ian Fisher bereits in seinem ersten Song, mit einem Lied des großen Woody Guthrie beendet er den Konzertabend. Dazwischen liegt eine Vielzahl an Eigenkompositionen, die mich an andere Folk-Musiker wie Townes Van Zandt oder Billy Bragg erinnern, auch Anklänge an Bob Dylan höre ich heraus. Politisches - er ist übrigens studierter Politologe - so wie auch sehr Persönliches beinhalten seine hauptsächlich englischsprachigen Songs, auch die Wut über gesellschaftspolitische Zustände kommt dabei zum Ausdruck. Mit Leichtigkeit gelingt es dem sympathischen Alleinunterhalter den Draht zum Publikum herzustellen und es zum Mitmachen einzuladen. Durchdringend wie seine Texte ist auch seine expressive Stimme, mit der er seine Botschaften (manchmal auch auf Deutsch) an die Zuhörenden richtet: "... ich will kein Ami sein, ich will kein Deutscher sein, ich will gar nichts sein, außer was ich bin." Diese unverstellte Authentizität, die in seiner Kunst herrscht, weiß ich sehr zu schätzen. Das aufmerksame Publikum in der Kurdirektion Bad Ischl anscheinend auch.
Mittwoch, 1. April 2026
"Stabat mater" im Stift Lambach
"Stabat mater dolorosa" ist ein Gedicht aus dem 13. Jhdt., das den Schmerz der Mutter Gottes über den Tod Jesu beschreibt und in der katholischen Liturgie eine Rolle spielt. Es gibt bereits zahlreiche Vertonungen dieses Werks (z. B. von Haydn, Rossini oder Dvorak). Nun hat der Pianist Martin Gasselsberger eine weitere hinzugefügt, Martin Mucha hat den Text dazu adaptiert. Neben Martin Gasselsberger am Klavier musiziert mit ihm sein langjähriger Weggefährte Tim Collins am Vibraphon und Marimbaphon. Den Gesangspart übernimmt die Kantorei St. Michael Mondsee mit einem gemischten Chor und drei Solist:innen unter der Leitung von Gottfried Holzer-Graf. Die Aufführung findet in dem herrlichen und akustisch ausgezeichneten Barocksaal des Sommerrefektoriums im Stift Lambach statt. Martin Gasselsberger hat ein Werk geschaffen, das stilistisch breit angelegt ist und sowohl Merkmale der klassischen Musik als auch solche aus Jazz- und Popmusik enthält. Den Jazz-Part mit Improvisation übernehmen natürlich Gasselsberger selbst und Tim Collins mit beeindruckenden Soli auf dem Vibraphon und dem faszinierend klingenden Marimbaphon, dessen tiefe Tonlagen mich besonders beeindrucken. Der Chor und die Solist:innen klingen dabei recht unterschiedlich, bisweilen ähnlich einem mittelalterlichen Chor, manchmal popmusikalisch anmutend. Dennoch enthält die Komposition keine Stilbrüche, sondern ergibt trotz der stilistischen Vielfalt ein organisches Ganzes. Was ich an Martin Gasselsberger und seiner Musik besonders mag, ist ihr Hang zur Romantik mit schönen Melodien, die mein Herz berühren. Ihm ist mit "Stabat mater" etwas ganz Wunderbares gelungen. Das Publikum im vollen Saal des Stifts Lambach bedankt sich mit überschwänglichem Applaus.
Samstag, 28. März 2026
Marialy Pacheco im Atrium Bad Schallerbach
Diese aus Kuba stammende und jetzt in Deutschland lebende Pianistin ist mir schon vor längerer Zeit aufgefallen durch ihre Beiträge in sozialen Medien. Der Gelegenheit, sie live im Atrium im Rahmen des Musiksommers Bad Schallerbach zu erleben, komme ich nun mit Freude nach. In Kuba zur klassischen Pianistin und Komponistin ausgebildet ist sie durch den Kontakt mit Alben von Keith Jarrett zur Improvisation und zum Jazz gelangt. Ihre Begeisterung für den großen Pianisten wird auch dadurch deutlich, dass sie mehrere Stücke mit Bezug auf ihn im Programm hat, z. B. das wunderbare "My Song", das auch in meiner Vinyl-Plattensammlung nicht fehlt. Auch kubanische Musik steht natürlich am Programm, sowohl aus dem Bereich der Volksmusik als auch aus der klassischen kubanischen Musik. Marialy Pacheco ist eine Musikerin, die ihr Herz nicht nur musikalisch ausschüttet, sondern auch mittels Ansprachen an das Publikum, in denen sie viel über sich und ihre Liebe zur Musik erzählt. Wie stark sie sich dem Jazz und seinen Wurzeln verbunden fühlt, zeigt sie auch in einem Blues von Luther Allison. Die Schönheit der dargebotenen Musik nimmt mich ganz gefangen, was wohl auch daran liegt, dass die Pianistin sich ganz ihrem musikalischen Vortrag hingibt. Musik zu machen sei für sie eine Artikulation von Liebe. Dem kann ich nur zustimmen.
Dienstag, 24. März 2026
M-Jam im OKH Vöcklabruck
M-Jam, die Jam-Session der Landesmusikschule (LMS) Vöcklabruck gemeinsam mit der Jazzgruppe des OKH, ist dieses Mal besonders gut besucht. Nach einer kurzen Aufwärmphase durch Lehrende an der LMS läuft ein buntes Programm ab mit unterschiedlichen Formationen von Musiker;innen, vom Jazz-Septett bis zum Solovortrag eigener Songs. Immer wieder stehen die Lehrpersonen den mutigen Songinterpret:innen hilfreich zur Seite. Ein Erfolgserlebnis ist jedem sicher, der es wagt, sich musizierend zu beteiligen. Ohne Leerläufe entfaltet sich vor dem interessierten Publikum ein Musikprogramm, dem man gerne zuhört. In angenehmer Atmosphäre haben beide Seiten ihren Spaß daran, jene, die mitmachen, genauso wie die Zuhörerschaft.
Montag, 23. März 2026
Klezmatics im Schl8hof Wels
Vor 40 Jahren ist diese New Yorker Band gegründet worden, und ich erinnere mich noch gut an das erste Album "Jews with Horns". Jüdische Musik ist seither mit dem Jazz immer wieder in Berührung gekommen und teils verschmolzen. John Zorn hat durch sein damals gegründetes Label "Tzadik" einen wichtigen Beitrag dazu geleistet. Mich hat Klezmer-Musik oft beeindruckt, sei es bei einem Live-Konzert von "Kletka Red" im Schl8hof oder Alben von "Kroke" zu Hause. Umso schöner ist es, die "Klezmatics" nun live zu erleben. Schon mit dem ersten Lied bin ich wieder drin in der sentimentalen Gefühlswelt jüdischer Lieder. Lorin Sklamberg's Gesang (auch am Akkordeon und am Klavier) übt eine magische Anziehungskraft aus. Bald verlässt die sechsköpfige Band, mit Frank London (Trompete und Keyboard), Lisa Gutkin (Geige), Matt Darriau (Saxophon und Klarinette), Paul Morrissett (E-Bass) und David Licht (Schlagzeug) die Grenzen des traditionellen jüdischen Liedes und reichert die Musik an mit diversen weltmusikalischen Elementen bis hin zum Jazz, der auch das freie Improvisierten erlaubt. Vor allem rhythmisch hat die Band eine Vielfalt und Komplexität zu bieten, die mich bald nicht mehr ruhig am Sessel sitzen lässt, sondern zum Tanzen reizt. Auf welcher Seite die Band gesellschaftlich steht, wird schon allein durch die Aufschrift auf Frank London's Sakko deutlich: "No pasaran", dem Slogan gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Faschismus aus Spanischen Bürgerkrieg in Kombination mir der geballten Faust. Dazu passend haben "Klezmatics" in dem Song "Un Du Ackerst" die bekannten Verse des revolutionären Dichters Georg Herwegh vertont: "Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will." Klezmatics nehmen mich mit, üben eine Faszination auf mich aus und setzen mich körperlich wie emotional in Bewegung. Mit ihnen ist es leicht, ein Fest zu feiern. Der 40er ist dazu ein willkommene Anlass.
Sonntag, 22. März 2026
Alex von Schlippenbach - Barry Altschul Quartet im C. Bechstein Centrum Linz
Vor weniger als einem Jahr habe ich den Schlagzeuger Barry Altschul in Triobesetzung in Linz gehört, Joe Fonda am Bass war auch damals schon dabei. Am Klavier kommt dieses Mal Alexander von Schlippenbach dazu sowie an den Klarinetten und am Baritonsaxophon der gebürtige Nürnberger Rudi Mahall. Den habe ich bis jetzt noch nicht erleben dürfen, dafür ist mein Erstaunen darüber umso größer, was dieser Mann musikalisch wie auch körperlich aufzubieten hat. Mit ungeheurer Kraft, Virtuosität und Spielfreude holt er alles heraus aus seinen Instrumenten und unternimmt dabei eine Reise kreuz und quer durch die Jazzgeschichte mit seiner Lieblingshaltestelle im Bebop. Während seiner Improvisationen fallen ihm immer wieder Versatzstücke bekannter Jazzstandards ein (z. B. Ellington's "Just Squeeze Me"), die er auf seine Weise integriert. Die intensiven Phasen seines Spiels werden gespiegelt mittels körperlicher Bewegungen und Verrenkungen, die ein Gesamtkunstwerk entstehen lassen aus Musik und Tanz. Seine Mitmusizierenden sind dabei keine Statisten, sondern gleichberechtigte Teilnehmer mit aktivem Eigenleben und Partner bei der musikalischen Kommunikation. Auch sie treten bisweilen solistisch in den Vordergrund. Das kompositorische Material für die Darbietung stammt hauptsächlich von Thelonious Monk, mit dem sich Schlippenbach ausgiebig beschäftigt und dessen 71 Kompositionen er in seinem Projekt "Monk's Casino" verarbeitet hat, an dem Rudi Mahall übrigens auch beteiligt war. Welche Kraft dieses Quartett mit dem Durchschnittsalter von 75 Jahren entwickelt, ist erstaunlich, die Spielfreude ist enorm, die Anerkennung und Begeisterung beim Publikum ebenso.
Steven Bernstein mit Sexmob im Jazzit Salzburg
Steven Bernstein ist schon seit den späten 1980ern eine bedeutende Figur in der US-Jazzszene. Auch Sexmob, das Quartett, mit dem er seit langem wieder einmal im Jazzit zu Gast ist, besteht schon seit gut 30 Jahren. Für mich ist es allerdings der erste Kontakt mit dieser Band, bestehend aus Steven Bernstein an der Zugtrompete, Briggan Krauss am Altsaxophon, Tony Scherr am E-Bass und Kenny Wollesen am Schlagzeug. Was mich gleich beeindruckt hat, ist die Rhythmik der Musik, vorangetrieben vor allem vom warmen Sound des Bassisten. Das variantenreiche Schlagzeugspiel (mit elektronischen Einsprengseln) bereichert diese noch. Die Bläser erzeugen unisono oder auch individuell atmosphärische Sounds dazu und sorgen auch immer wieder für Soli, die aus den Instrumenten ekstatische Klänge hervorbringen. Nicht allzu oft sieht man wie hier eine Zugtrompete im Einsatz, quasi eine kleine Sopranposaune, die runder klingt als eine Trompete mit Ventilen. Besonders prägend für den musikalischen Ausdruck dieser Quartetts sind die Kompositionen und die Arragements. Spannung auf- und abbauen, Dynamik steigern und zum Erliegen kommen lassen, sind charakteristische Stilelemente dieser Musik. Sexmob bietet eine unterhaltsame, auch oft tanzbare Art von Jazz, die die Grenzen zu anderen Formen populärer Musik bisweilen überschreitet. Kein Wunder, dass der Bandleader auch immer wieder im Kontext mit Größen der Popmusik wie Marianne Faithful, Linda Ronstadt oder Sting zum Einsatz gekommen ist. Steven Bernstein ist jedenfalls einer, dem es gelingt, das elitäre Image des Jazz gehörig zu relativieren.
Freitag, 13. März 2026
Phoebe Violet mit Suspiros im Alten Kino St. Florian
Die aus Costa Rica stammende Violinistin und Sängerin Phoebe Violet habe ich erst kürzlich bei ihrem Kurzauftritt im Wiener MuTh kennengelernt. Nun ist sie mit ihrem eigenen Liederzyklus "Suspiros" im Alten Kino St. Florian zu Gast. Begleitet wird sie dabei von Andreas Haidecker an der akustischen Gitarre. Obwohl die Singer-Songwriterin auch schon Lieder in englischer Sprache veröffentlicht hat, kehrt sie auf ihrem letzten Album, das sie hier präsentiert, zu ihrer Muttersprache zurück. Vielleicht weil es um ganz persönliche Emotionen geht, die in "Suspiros", was so viel wie "Seufzer" bedeutet, zum Ausdruck kommen. Die Lieder haben daher auch öfter einen subtilen, melancholischen Charakter. Doch es entstehen dabei auch manchmal heftige Gefühlsausbrüche, bei denen sich Phoebe Violet's Stimme bis zum Schrei steigern kann. Überhaupt ist die Bandbreite ihrer gesanglichen Ausdruckskraft enorm und erstreckt sich von feinsten Nuancen bis zu heftigsten Ausbrüchen. Das alles macht Andreas Haidecker mit seinem feinsinnigen Gitarrespiel mit. Er begleitet die Emotionen der Sängerin, sodass daraus eine kongeniale musikalische Einheit entsteht. Im Augenblick zu leben, Sehnsüchte und Erwartungen zu haben, zu lieben und Stimmungen zuzulassen, die gerade vorherrschen, das sind Themen der Lieder. Phoebe Violet sagt, sie finde es befreiend, diese starken Gefühle vor Publikum auszudrücken. Ich finde es befreiend, ihr und ihrem musikalischen Begleiter dabei zu folgen, auch wenn ich des Spanischen nicht mächtig bin. Die Texte mit deutscher Übersetzung gibt es nach dem Konzert übrigens zu kaufen. Ich habe sie mir mitgenommen.
Abonnieren
Posts (Atom)









































