Freitag, 31. Juli 2026

Kollegium Kalksburg im Stadtpark Atzgersdorf, Wien

"Seit mehr als 30 Jahren um und auf" (so der Titel des Konzertabends) ist nun schon das Trio, das sich dem "Neuen Wienerlied" widmet. Fast ebenso lang bin ich ein begeisterter Fan der drei Musiker: Heinz Ditsch (Akkordeon und singende Säge), Paul Skrepek (Kontragitarre) und Wolfgang Vincenz Wizlsperger (Gesang, Kamm, Euphonium). Vincenz Wizlsperger begibt sich dabei in die Rolle morbider Verlierer, von Widrigkeiten geprägter Randfiguren der Gesellschaft, die ihren Liebes- und sonstigen Kummer im Alkohol zu ertränken versuchen. Musikalisch lehnt sich die Band an das traditionelle Wienerlied an oder verwendet bekannte Melodien aus dem Fundus der Popularmusik, wie z. B. von Songs der Beatles. Die Lieder von "Kollegium Kalksburg" sind kleine Dramen voller Anklage aber auch Pamphlete des Widerstands gegen ein missliebige Weltsicht. Meist ergeben sich allerdings die dargestellten Typen ihrem Schicksal, schauen zurück auf zerbrochene Liebesbeziehungen, saufen sich zu Tode oder versuchen ihrem Leben anderweitig ein Ende zu bereiten. Sie ergeben sich ihrem unausweichlichen Schicksal, das auch Thema des berühmten Wienerlieds "Wenn der Herrgott net will" ist, zu dem die Kalksburger einen englischen Text geschrieben haben. Die Texte sind sonst im Wiener Dialekt verfasst, einer Sprache, die heute eher vom Aussterben bedroht ist, als dass sie noch weite Verbreitung finden würde. Für mich sind die Lieder des Kollegium Kalksburg voller Poesie und üben in Verbindung mit den meist melancholischen Melodien eine starke Faszination auf mich aus. Obwohl ich das Trio nun schon so oft live erleben durfte, wird ihr Auftritt beim Kultursommer Wien im Stadtpark Atzgersdorf für mich sicher nicht der letzte gewesen sein. 

Leléka im Stadtpark Atzgersdorf, Wien

Seit dem Corona-Jahr 2020 gibt es in Wien die sechswöchige Gratis-Veranstaltungsreihe "Kultursommer Wien" mit zahlreichen Freiluftkonzerten in verschiedenen Wiener Parkanlagen. Mich zieht es heuer in den Stadtpark Atzgersdorf im Bezirk Liesing, um dort wieder einmal "Kollegium Kalksburg" zu hören. Doch vorher gibt es noch ein anderes Konzert, und zwar das von der mir bislang unbekannten Band Leléka. Gar so unbekannt dürfte das Quartett um die in Berlin lebende Sängerin Viktoria Leléka allerdings auch wieder nicht sein, hat doch die Künstlerin den Beitrag der Ukraine beim diesjährigen Eurovision Song Contest bestritten. Die Besetzung gleicht der eines klassischen Jazz-Quartetts mit E-Piano, Kontrabass, Schlagzeug und einer Sängerin. Was es bietet, ist auch eine Art von Jazz, die man als Folk-Jazz bezeichnen kann, sind es doch hauptsächlich ukrainische Volkslieder, die die Sängerin vorträgt mit der Freiheit, die den Jazz auszeichnet, und mit dem Freiraum für Improvisation der Bandmitglieder, der vor allem von der Berliner Jazz-Pianistin Anna Wohlfahrth auch reichlich genutzt wird. Was die Frontfrau auszeichnet, ist erstens eine wunderbare Stimme, deren Umfang und Intensität beachtlich ist, und zweitens eine Bühnenpräsenz und Körpersprache, die mich in Erstaunen versetzt. Mit spielerischer Leichtigkeit stellt sie umgehend den Draht zum Publikum her und gewinnt es mit berührenden Ansagen die Herzen der Anwesenden. Auch wenn ich kein Wort Ukrainisch verstehe, üben die Lieder eine fast magische Wirkung auf mich als Zuhörer aus, allein durch die Stimmung, die die Sängerin imstande ist, damit zu vermitteln. Auch den Song-Contest-Beitrag trägt Leléka vor. Dass er "nur" auf Platz neun gelandet ist, liegt wohl an seiner künstlerischen Komplexität, die die Chancen beim Wettsingen nicht gerade vergrößert. An diesem heißen Sommerabend im Stadtpark Atzgersdorf hat er sich harmonisch ins Gesamtprogramm eingefügt.
 

Donnerstag, 30. Juli 2026

Secret Life - Songs of Leonard Cohen im Schl8hof Wels

Bald werden es zehn Jahre, dass der große Poet und Musiker Leonard Cohen das Zeitliche gesegnet hat und er seine Musik nicht mehr selbst darbieten kann. Dafür können das andere, wie z. B. das Oktett um den obösterreichischen Sänger und Gitarristen Martin Primetshofer, das sich schon seit ein paar Jahren dem Liedschatz Cohen's widmet und eine Auswahl seiner LIeder wiederbelebt und dem Publikum zu Gehör bringt. Karin Brandmayer und Christina Sturmeir sind dabei die wichtigen Frauenstimmen, Edi Grinninger und Geri Ritt steuern die subtilen Gitarrensounds bei, Werner Enzlmüller spielt den Bass, Nik Haider das Keyboard und Andi Primetshofer das Schlagzeug. Die Arrangements orientieren sich recht schnörkellos nahe am Original, der Gesang spielt dabei die wichtigste Rolle, sind es doch vor allem die Texte voller Poesie, die neben den eingängigen Melodien den Reiz dieser Songs ausmachen. Die Songauswahl ist eine Mischung aus allseits Bekanntem und weniger populären Werken wie einerseits "Suzanne", "So Long, Marianne" und "Dance Me to the End of Love" oder andererseits "If It Be Your Will", "On the Level" und "You Have Loved Enough". Martin Primetshofer's Stimme klingt dabei oft wirklich wie die von Leonard Cohen, die Frauenstimmen haben auch hier die überaus wichtige Funktion, die sie bei den Live-Konzerten des Künstlern aus Kanada hatten. Cohen-Songs auch nach dem Tod Cohen's live erleben zu können, schätze ich sehr, sodass ich immer wieder die sich mir bietenden Gelegenheiten dazu nutze. Kein Wunder also, dass ich nun schon zum dritten Mal Zuhörer bei diesem Songs-of-Leonard-Cohen-Programm bin. Der große Publikumsandrang im Freigelände des Schl8hof Wels zeigt, dass es dabei anscheinend nicht nur mir so geht.
 

Montag, 27. Juli 2026

Mulo Francel Quartett im Living Room Salzburg

Der bayrische Saxophonist Mulo Francel ist mir als Bandleader von "Quadro Nuevo" 2013 im Barocktheater des Stiftes Lambach zum ersten Mal begegnet. Meine Begeisterung war groß, sodass ich in der Zwischenzeit mehrere Gelegenheiten ergriffen habe, eines seiner Projekte zu bestaunen. Im Living Room Salzburg bietet sich nun wieder die Möglichkeit, ihn zusammen mit Chris Gall am E-Piano, D.D. Lowka am Kontrabass und Lokalmatador Robert Kainar am Schlagzeug zu hören. Tief in der Jazztradition verwurzelt hat sich Mulo Francel der Weltmusik geöffnet und verarbeitet in seinen Eigenkompositionen deren Einflüsse (Mulo's Mambo, Mocca Swing, Die Reise nach Batumi). Auch Chris Gall steuert einige Kompositionen bei. Besonders interessant dabei ist seine Bearbeitung von Debussy's "Claire de Lune". Mulo Francel bietet im Laufe des Abends ein breites Klangspektrum, das vom Tenorsaxophon über das Sopransaxophon, das antiquierte C-Melody-Saxophon und die B-Klarinette bis zur Bassklarinette reicht. Seine Improvisationen vermitteln für mich eine virtuose Leichtigkeit. Natürlich gibt es auch viel Freiraum für die spontanen Ideen der anderen Bandmitglieder, wobei die Soli des Pianisten besonders hervorstechen. Das Weltmusik-Konzept von Quadro Nuevo findet auch in diesem Quartett seinen stimmigen Ausdruck. Große musikalische Offenheit, verbunden mit großer Spielfreude zieht das Publikum in ihren Bann. Der Abend lässt keine musikalischen Wünsche offen, außer vielleicht den Wunsch nach einer zweiten Zugabe.
 

Sonntag, 26. Juli 2026

Fiva beim OKH-Open-Air Vöcklabruck

Hip-Hop ist ja nicht gerade mein musikalisches Zuhause. Dennoch hat dieses Genre auch für mich seinen Reiz. Nun habe ich die Gelegenheit, die bekannte deutsche Rapperin Fiva (Nina Sonnenberg) beim OKH-Open-Air live zu erleben. Was mir gefällt, ist die sparsame Instrumentierung mit Bass, Schlagzeug und Keyboard, wodurch Fiva mit ihrer Stimme und ihrer Bühnenpräsenz den Raum dominieren kann. Es geht auch nicht um spezielle Soundeffekte, die treibenden Elemente bilden das Schlagzeug und der brilliante Bass. Was Fiva zu erzählen hat, betrifft zutiefst Persönliches und ebenso Gesellschaftliches, oft miteinander in Verbindung gebracht bis hinein ins Politische: "Große Katastrophen haben kleine Geister". Ihr gelingt es von Anfang an, einen intensiven Kontakt zum Publikum herzustellen und sie spricht die Leute auch direkt an: "Könnt ihr da unten hören, was ich hier oben sage?", oder sie erzählt von Außergewöhnlichem, das sie beeindruckt hat. Ihre Performance macht trotz der oft recht ernsten Inhalte einen sehr entspannten Eindruck, die Leichtigkeit überwiegt, bejahende Botschaften gewinnen die Oberhand: "Du bist nicht mein Monster", "Das Beste ist noch nicht vorbei", "Die Stadt gehört wieder mir". Fiva gibt die volksnahe, unverkrampfte musikalische Widerstandskämpferin voller positiver Energie, womit sie beim Vöcklabrucker Publikum (und auch bei mir) auf große Gegenliebe stößt. Nicht zuletzt ist es allerdings auch das wunderbare Ambiente des OKH-Freigeländes, das diesen Konzertabend zu einem bezaubernden Fest werden lässt.

 

Donnerstag, 23. Juli 2026

Der Nino aus Wien im Schl8hof Wels

Ich weiß gar nicht, wie oft ich den Nino aus Wien schon live erlebt habe, so zahlreich waren meine Besuche seiner Auftritte. Dieses Mal spielt er mit seiner bewährten "Aus Wien Band" mit Raphael Sas an Gitarre und Keyboard, David Wukitsevits am Schlagzeug und PauT (Paul Schreier) am Bass und an der Klarinette. Einige Lieder sind neu und kommen im rockigen Gewand daher. Nicht fehlen dürfen dann auch gleich einmal die Klassiker "No a bissl foischer" und "Unentschieden gegen Ried". Welche seiner Lieder Nino Mandl am meisten am Herzen liegen (und mir auch), erfährt man im Verlauf des Konzerts, nämlich die gelungene Bob-Dylan-Bearbeitung "Der Mai ist vorbei" (Simple Twist Of Fate), das wunderbare "Unter Fischen", der Klassiker "Plurabelle", "Taxi Driver" mit der einprägsamen Verszeile "Die Wöd is a unglaublich düsteres Loch" und schlussendlich "Es geht immer ums Vollenden", in dem der Künstler seine Künstlerexistenz reflektiert. In diesen Liedern kommt die poetische Ader Nino Mandl's am überzeugendsten zum Ausdruck. Seine Wien-Verbundenheit unterstreichen noch Songs wie "Praterlied" und "Waschechter Weana" recht eindrücklich. Das angenehme Freiluft-Ambiente des Schl8hofs Wels (Flavour Yard) veredeln den Musikgenuss zusätzlich und das zahlreich erschienene Publikum zeigt sich zurecht hellauf begeistert. Ich kann den Nino aus Wien noch so oft hören und sehen, und es zieht mich immer wieder zu seinen Konzerten hin.
 

Sonntag, 19. Juli 2026

Johannes Dickbauer & Jiří Slavik im Hollengut

Einmal im Jahr übersiedelt das Rossstall-Team von Lambach in das nicht weit entfernte Hollengut, um dort Freiluft-Konzerte zu veranstalten. Zwei hervorragende Musiker, Professoren-Kollegen an der Bruckner-Uni, bestreiten diesen Musik-Abend: Johannes Dickbauer an der Violine und Jiří Slavik am Kontrabass. Wenig Eigenes, dafür allerdings viel Bekanntes aus dem großen Fundus der Jazz-, Pop-und Folk-Traditon kommt dabei zur Aufführung. Mit Bob Dylan's "Blowing In The Wind" geht es los und mit Kenny Dorham's "Blue Bossa" endet das Konzert. Dazwischen finden sich Jazz-Standards wie "Skylark", "Summertime" und "There Will Never Be Another You", Django-Reinhardt-Kompositionen, Lateinamerikanisches und tschechische und heimische Volksweisen. Allen Stücken ist gemeinsam, dass sie die Basis bilden für das, was die beiden Virtuosen mit ihrem Spiel daraus machen, wie sie rhythmisch und tonal damit umgehen und welche Improvisations-Einfälle sie dazu haben. Die Instrumente erklingen unverstärkt, so wie sie sind, was für mich immer das schönste Klangerlebnis garantiert. Die Spielfreude der Musizierenden ist nicht zu übersehen und zu überhören, die Qualität des Gebotenen ist überragend. Somit genießt die Zuhörerschaft dieses Abends ein wunderbares Konzert in einem ebensolchen Ambiente.