Sonntag, 12. April 2026

Amalie Dahl's Dafnie im Kulturpool Gusental

Am Beckenboden des zum Konzertsaal umgestalteten Hallenbads in Gallneukirchen (Kulturpool Gusental) gibt es immer wieder Erstaunliches zu hören. Die gebürtige Dänin und nun in Oslo aktive Saxophonistin und Komponistin Amalie Dahl ist mit ihrem Quintett Amalie Dahl's Dafnie zu Gast. Dabei sind am Schlagzeug Veslemøy Narvesen, am Kontrabass Nicolas Leitrø, an der Posaune Jørgen Bjelkerud und an der Trompete Oscar Andreas Haug. Treibende Kraft der Band ist die Rhythmusgruppe mit Bass und Schlagzeug, die sowohl in der Lage ist, extreme Tempi zu verfolgen, als auch mit ostinatem Spiel die solierenden Bläser:innen zu begleiten. Besonders der Bassist hat mich mit seinem präzis-markanten Tönen beeindruckt. Die Kompositionen sind sehr abwechslungsreich. Schnelle, an Bebop erinnernde Nummern wechseln ab mit eher elegisch klingenden, auf wenige Tonfolgen basierenden Stücken. Im Laufe der Kompositionen treten dabei immer wieder Trios mit Rhythmusgruppe und Bläsern hervor. Markant ist auch das Experimentieren mit der Tonerzeugung auf den Blasinstrumenten, das alle verfügbaren Möglichkeiten der Instrumente auslotet. Breiter Raum für Improvisationen der Beteiligten steht dabei offen. Die Gruppe erreicht damit einen recht eigenständigen Stil, der von rhythmischer Beschwingtheit bis zur bloßen Erzeugung von Geräuschen alles bieten kann. Amalie Dahl's Dafnie sorgt somit vom Anfang bis zum Ende des Konzerts für Spannung und konzentrierte Aufmerksamkeit beim begeisterten Publikum. Eine derart junge Band mit diesen Möglichkeiten und dieser Reife im musikalischen Ausdruck hat Seltenheitswert. Da macht das Zuhören wirklich große Freude. 
 

Samstag, 11. April 2026

Domo Emigrantes im Schloss Traun

"Domo Emigrantes" nennt sich ein Quartett von Musikern aus dem Raum Mailand, das zu Gast im Schloss Traun ist. "Die von zu Hause Ausgewanderten" sind Norditaliener mit süditalienischen und sizilianischen Wurzeln, die sich der Tradition mediterraner Volksmusik verschrieben haben. Sie geben sowohl Eigenes als auch viel an Traditionellem Liedgut zum Besten. Stefano Torre ist der Leadsänger und Gitarrist der Gruppe, der bisweilen auch auf die Bouzouki wechselt, wenn es um griechischen Einfluss geht. Eine seiner Spezialitäten ist auch die sizilianische Flöte. Filippo Renna ist der Percussionist der Band, Andrea Dall'Olio spielt Violine und Vittorio Tauro das Akkordeon. Volksmusik aus Süditalien hört man nicht so oft bei uns in Österreich und schon gar nicht mit einer derart authentischen Note wie von diesen Musikern. Wunderbare Rhythmen und Melodien voller Emotionalität berühren die Herzen des Publikums, das der Aufforderung mitzuklatschen nur allzu gerne nachkommt. Die Grenzen der Volksmusik werden erweitert, indem das im Jazz übliche Improvisieren insbesondere von Geige und Akkordeon ein zusätzliches Stilmittel bildet. Zuletzt mischen sich die Musizierenden unters Publikum und die Darbietung endet in einem sizilianischen Volksfest, bei dem es keinen mehr auf seinem Sitz hält. 
 

Freitag, 10. April 2026

Gusset im OKH Vöcklabruck

Gusset nennt sich das Quintett des Schlagzeugers Jakob Peham, das im Rahmen von "thursdays4jazz" in der OKH-Bar in Vöcklabruck einen Auftritt hat. Neben dem Bandleader spielt Michael Gramer das E-Piano, Luca Weigl den Kontrabass, Peter Nickel die Posaune und Mira Gregoric die Violine. Etwas kammermusikalisch anmutend spielt die Band sowohl Eigenkompositionen als auch Kompositionen von Christoph Cech wie "Common Ground" oder "Man Facing North", Repertoire aus der "Linzer Schule" der Bruckner-Uni. Am deutlichsten wird der Jazz-Charakter der Aufführung durch die Improvisationen der Bandmitglieder, die in den Stücken reichlich Platz finden. Komplexe Strukturen und viele Rhythmuswechsel prägen die experimentierfreudigen und grenzüberschreitenden Werke. Der Abend zeigt das hohe Niveau, auf dem sich die junge Generation österreichischer Jazz-Musiker:innen befindet und wie stark sie sich von althergebrachten Jazz-Mustern emanzipiert hat. Die Besucher dieses Abends und auch ich wissen das zu schätzen.
 

Mittwoch, 8. April 2026

Origina1Nerd im Schl8hof Wels

Den Strom hätte man den fünf jungen Musikern von "Origina1Nerd" nicht abdrehen dürfen. Denn ein wesentlicher Teil des Klanggeschehens beruht auf elektronischer Unterstützung. Sei es der E-Bass von Jakob Gönitzer, das Keyboard von Thomas Quendler, die E-Gitarre von Andreas Erd und sogar das Tenorsaxophon von Max Glanz, das ebenfalls elektronische Beigaben beansprucht. Lediglich Jonas Kocnik am Schlagzeug ertönt rein akustisch. Was die Band bietet, beruht auf Jazz-Rock-Fusion, der das Quintett seinen eigenen Stempel aufprägt, einerseits durch sein ausgeklügeltes Sounddesign, durch raffinierte Kompositionen mit Abwechslungsreichtum und emotionaler Tiefe. Max Glanz's Saxophonspiel ist ausdrucksstark, verliert dabei allerdings nie die solide Bodenhaftung, es kann - was ich besonders schätze - Geschichten erzählen. Andreas Erd spielt seine Gitarre in der Manier eines Rockgitarristen, virtuos und überschwänglich in seinen Solis. Auch Thomas Quendler brilliert gelegentlich durch seine Improvisationen, ebenso Bassist und Schlagzeuger. Die Band spielt auf einem erstaunlich hohem Niveau und hat sich einen eigenständigen Sound erschaffen, der das Publikum im Schl8hof Wels und auch mich beeindruckt.
 

Freitag, 3. April 2026

"Come From Away" im Musiktheater Linz

Musicals sind nicht meine erste Wahl, wenn es um musikalische Darbietungen geht. Dennoch schenke ich auch immer wieder dieser Kunstsparte meine Aufmerksamkeit. Das Musiktheater Linz bietet dazu gute Gelegenheiten. "Come From Away", ein 2017 uraufgeführtes Musical eines kanadischen Künstler:innen-Ehepaars läuft dort gerade recht erfolgreich. Es erzählt die wahre Geschichte der kanadischen Kleinstadt Gander, wohin nach den Anschlägen des 11. September 2001 39 Passagierflugzeuge umgeleitet worden sind. Die Bevölkerung dort ist plötzlich mit der Herausforderung konfrontiert, Tausende Gestrandete vorübergehend aufzunehmen und zu versorgen. Was das mit der Bevölkerung und den Passagieren macht, zeigt dieses Stück eindrucksvoll. Um es gleich vorwegzunehmen, Humanität und Hilfsbereitschaft siegen, Vorurteile werden abgebaut, Beziehungen und sogar Liebesbande bilden sich. Das Ganze spielt sich auf statischer Bühne ab, nur der Hintergrund verändert sich jeweils leicht. Getragen wird die Handlung von gesungenen Dialogen zwischen den Beteiligten, einer Folkrock-Band beiderseits der Bühnenmitte und einem rasenden Tempo mit viel Bewegung und Tanz, das keine Sekunde Langeweile aufkommen lässt. Für eine Pause ist dabei auch kein Platz. Nach fünf Tagen erzählter Zeit (und ca. zwei Stunden Aufführungsdauer) ist der Spuk vorbei. Mittels Menschlichkeit und Zusammenhalt sind die Beteiligten  aus dieser Notsituation gestärkt hervorgegangen. Die vermittelten Werte wie Positivität, Humor, Handlungsbereitschaft  und Lebendigkeit sind wahrscheinlich auch die Grunde für den Erfolg dieses Musicals. Die großartigen künstlerischen Leistungen des Ensembles natürlich ebenfalls. Am Schluss tanzen dann noch alle Darsteller:innen nach Celtic-Rock-Rhythmen und das Publikum applaudiert begeistert und zufrieden.

Donnerstag, 2. April 2026

Ian Fisher in der Kurdirektion Bad Ischl

Den in Wien lebenden und aus Missouri stammenden Singer-Songwriter Ian Fisher habe ich bisher nicht gekannt. Schnell wird mir bei seinem Solo-Aufritt mit Akustik-Gitarre allerdings klar, wohin die Reise geht. "Die Gedanken sind frei", verkündet Ian Fisher bereits in seinem ersten Song, mit einem Lied des großen Woody Guthrie beendet er den Konzertabend. Dazwischen liegt eine Vielzahl an Eigenkompositionen, die mich an andere Folk-Musiker wie Townes Van Zandt oder Billy Bragg erinnern, auch Anklänge an Bob Dylan höre ich heraus. Politisches - er ist übrigens studierter Politologe - so wie auch sehr Persönliches beinhalten seine hauptsächlich englischsprachigen Songs, auch die Wut über gesellschaftspolitische Zustände kommt dabei zum Ausdruck. Mit Leichtigkeit gelingt es dem sympathischen Alleinunterhalter den Draht zum Publikum herzustellen und es zum Mitmachen einzuladen. Durchdringend wie seine Texte ist auch seine expressive Stimme, mit der er seine Botschaften (manchmal auch auf Deutsch) an die Zuhörenden richtet: "... ich will kein Ami sein, ich will kein Deutscher sein, ich will gar nichts sein, außer was ich bin." Diese unverstellte Authentizität, die in seiner Kunst herrscht, weiß ich sehr zu schätzen. Das aufmerksame Publikum in der Kurdirektion Bad Ischl anscheinend auch.
 

Mittwoch, 1. April 2026

"Stabat mater" im Stift Lambach

"Stabat mater dolorosa" ist ein Gedicht aus dem 13. Jhdt., das den Schmerz der Mutter Gottes über den Tod Jesu beschreibt und in der katholischen Liturgie eine Rolle spielt. Es gibt bereits zahlreiche Vertonungen dieses Werks (z. B. von Haydn, Rossini oder Dvorak). Nun hat der Pianist Martin Gasselsberger eine weitere hinzugefügt, Martin Mucha hat den Text dazu adaptiert. Neben Martin Gasselsberger am Klavier musiziert mit ihm sein langjähriger Weggefährte Tim Collins am Vibraphon und Marimbaphon. Den Gesangspart übernimmt die Kantorei St. Michael Mondsee mit einem gemischten Chor und drei Solist:innen unter der Leitung von Gottfried Holzer-Graf. Die Aufführung findet in dem herrlichen und akustisch ausgezeichneten Barocksaal des Sommerrefektoriums im Stift Lambach statt. Martin Gasselsberger hat ein Werk geschaffen, das stilistisch breit angelegt ist und sowohl Merkmale der klassischen Musik als auch solche aus Jazz- und Popmusik enthält. Den Jazz-Part mit Improvisation übernehmen natürlich Gasselsberger selbst und Tim Collins mit beeindruckenden Soli auf dem Vibraphon und dem faszinierend klingenden Marimbaphon, dessen tiefe Tonlagen mich besonders beeindrucken. Der Chor und die Solist:innen klingen dabei recht unterschiedlich, bisweilen ähnlich einem mittelalterlichen Chor, manchmal popmusikalisch anmutend. Dennoch enthält die Komposition keine Stilbrüche, sondern ergibt trotz der stilistischen Vielfalt ein organisches Ganzes. Was ich an Martin Gasselsberger und seiner Musik besonders mag, ist ihr Hang zur Romantik mit schönen Melodien, die mein Herz berühren. Ihm ist mit "Stabat mater" etwas ganz Wunderbares gelungen. Das Publikum im vollen Saal des Stifts Lambach bedankt sich mit überschwänglichem Applaus.