Mittwoch, 29. April 2026

"Die dritte Luft oder Eine Bühne am Meer" von Christoph Ransmayr

Immer wieder einmal werde ich gefragt, was denn "Die dritte Luft" (so der Name dieses Kultur-Blogs) bedeute und was denn die anderen zwei Lüfte seien. Inspiriert hat mich bei der Titelwahl die Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 1997 des österreichischen Schriftstellers Christoph Ransmayr, die im gleichen Jahr auch als 26-seitiges Büchlein im S. Fischer Verlag erschienen ist. Darin ist von einer Plattform am Meer an der Südküste von Irland die Rede, die früher als Bühne für allerlei kulturelle Veranstaltungen genutzt worden ist. Sie ist jetzt verwaist, der Besitzer hat die Liegenschaft verkauft, als er nach Australien ausgewandert ist, die aktuelle Besitzerin ist eine kranke Greisin, die der Erzähler mit deren Sohn besucht. In indirekter Rede zitiert nun der Erzähler ihren Sohn. "Jeder Mensch lebe schließlich bis zu seinem Ende in drei Lüften." Die erste sei die des Anfangs, der Geruch der Haut der Mutter, die zweite sei die der weiteren Umgebung, der Natur und der menschlichen Aktivität. "Aber erst in der dritten Luft werde ergänzt und hinzugefügt, was zum vollständigen Bild der Welt noch fehle, erst in der Luft der Plattformen, Tanzsäle und Theater, der Kinos und wohl auch rauchiger Pubs, der Luft der Geschichten und der Verzauberung des Lebens in Lieder, verwandle sich beispielsweise ein ganzes Meer in ein einziges Wort, in eine Melodie, und rausche aus diesem Wort wieder hervor." Von dieser Luft berichtet dieser Blog.

Lady Blackbird im Jazzit Salzburg

"Lady Blackbird", eine Sängerin aus Los Angeles war mir bisher unbekannt. Nun habe ich sie bei ihrem (ausverkauften) Auftritt im Jazzit Salzburg kennengelernt. Mit sparsam besetzter Band (Chris Seefried, Gitarren und Klavier, Jon Flaugher, E- und Kontrabass, Tamir Barzilay, Schlagzeug) tritt Marley Munroe (ihr bürgerlicher Name) mit schriller, weißer Afro-Perücke auf die Bühne. Schon nach den ersten Liedzeilen scheint es mir, als würde ich die längst verstorbene Ikone Nina Simone hören, so stark ähneln sich die beiden Stimmen. Und auch stilistisch, was Soul und Gospel anbelangt, gibt es große Ähnlichkeiten. Kein Wunder also, dass schon das zweite Lied eine Coverversion von Nina Simone's "Blackbird" ist, von dem sich auch der Künstlername "Lady Blackbird" herleitet. Besonders beeindruckt haben mich die Gospel-Walzer-Stücke der Sängerin. Allerdings kann die Band auch funkige Töne anschlagen und rocken, z. B. bei der Beatles-Coverversion von "Come Together". Neben eigenen Songs erweist Marley Munroe auch noch David Bowie und Bob Dylan mittels Coverversionen die Ehre. Der Kontakt zwischen "Lady Blackbird" und dem Publikum kann an diesem Abend besser nicht sein. Die Hochstimmung überträgt sich wechselseitig. Selbstermächtigung ist ein dominierendes Thema der Lieder, das schließlich auch im letzten Stück zum Ausdruck kommt, dem wunderbaren "I Am What I Am" aus dem 1980er-Musical "La Cage aux Folles", das die "Disco-Queen" Glora Gaynor berühmt gemacht hat. Ein berührender Abend, ein Fest voll positiver Stimmung geht damit zu Ende.
 

Sonntag, 26. April 2026

Der Nino aus Wien und Milan Begovic im Schauspielhaus Linz

Er ist einer meiner am öftesten live gehörten Musiker, und dennoch zieht es mich immer wieder hin zu seinen Auftritten, dieses Mal vor allem deshalb, weil sich Der Nino aus Wien im Schauspielhaus Linz von einem Pianisten (Milan Begovic) begleiten lässt, ganz im Stil eines intimen Liederabends. Einige Lieder klingen neu für mich, die meisten kenne ich allerdings schon durch seine Auftritte mit seiner Band. Nino's Lieblingslieder, die auch mir am besten gefallen, klingen durch die Klavierbegleitung noch lyrischer, noch sentimentaler, noch poetischer. Seinem Gesangsstil, der mich etwas an Bob Dylan erinnert, bleibt er auch in diesem Setting treu. Das tut er auch, als er sich auf Anregung des Pianisten dazu hinreißen lässt, auch zwei Lieder von Franz Schubert zu interpretieren, u. a. "Das Wirtshaus" aus der "Winterreise". Wirklich wohl fühlt sich Nino Mandl (so sein bürgerlicher Name) und auch ich mich, wenn er seine eigenen Songtexte vorträgt. "Unter Fischen", "Der Mai ist vorbei" (beruhend auf Bob Dylan's "Simple Twist Of Fate"), "Plurabelle", "Taxi Driver", "Es geht immer ums Vollenden" und schließlich das "Praterlied" sind schon seit Längerem zurecht die Fixpunkte und Highlights in seinem Programm. Und dabei macht es auch keinen allzu großen Unterschied, mit welcher Instrumentierung und Besetzung sie vorgetragen werden. Es sind einfach Perlen der deutschsprachigen Songwriting-Kunst, die ich nicht oft genug hören kann.

Samstag, 25. April 2026

Elias Stemeseder & Georg Vogel im Jazzit Salzburg

Die beiden jungen Pianisten mit Salzburger Wurzeln habe ich schon jeweils unabhängig voneinander erlebt und schätze sie sehr. Nun sehe ich sie zusammen als Duo an zwei Flügeln im Jazzit. Sie präsentieren eine Erweiterung ihres schon 2022 vorgestellten Repertoirs mit dem Namen DDIOFEO. Es ist ein Programm, das vom ersten Takt an Spannung vermittelt und volle Aufmerksamkeit fordert. Die Kompositionen sind komplex und verweisen auf unterschiedliche Genres und Vorbilder. Sie klingen jedenfalls recht modern und atonal. Eine erinnert mich dennoch sofort an Johann Sebastian Bach, eine andere beginnt sogar (ausnahmsweise) zu swingen. Die Pianisten teilen sich die "Arbeit". Manchmal verharrt einer still, während der andere spielt, manchmal übernimmt einer die Begleitung, während der andere am Improvisieren ist. Oft improvisieren beide. Jedenfalls besteht genug Platz für virtuose solistische Ausflüge, die so ziemlich alles ausloten, was das Instrument hergibt. Bisweilen steigert sich auch die Intensität, ebbt dann wieder ab. Die Stücke erfordern von den Ausführenden vollste Konzentration. Recht spielerisch wirkt schließlich am Ende der Vorstellung die Zugabe, die Erkennungsmelodie des Tommy Dorsey Orchesters aus den frühen 1930er Jahren "I'm Getting Sentimental Over You". Die Swing-Jazz-Wurzeln werden trotz anspruchvollster Modernität schließlich  doch nicht verleugnet.

Freitag, 24. April 2026

Amor & Psyche? im Musiktheater Linz

Obwohl ich in meiner Jugend so gut wie gar nicht sozialisiert worden bin, was Ballett anbelangt, so entwickle ich mich mit fortschreitendem Alter immer mehr zum Ballett-Liebhaber. Vielleicht weil es eine wesentlich offenere Kunstform ist als z. B. Sprech- und auch Musiktheater. Und es funktioniert mit Musik, meiner präferierten künstlerischen Ausdrucksform. Was macht nun das Ballettstück "Amor & Psyche?" von Jeroen Verbruggen so speziell? Es sind natürlich in erster Linie die Choregraphie für die 14 beteiligten Tänzer:innen und deren künstlerisch-athletischen Leistungen. Viele der Figuren spielen sich am Boden ab, das Stück ist sozusagen recht "geerdet", obwohl es bisweilen auch zu dramatischen Zuspitzungen und Höhenflügen kommt. 70 Minuten lang herrscht ständige rasante Bewegung, langsame Passagen sind selten. Die junge Frau mit der Aktentasche (Psyche) verfällt schließlich dem Mann mit dem Pfeil (Amor) und macht eine Wandlung und Reifung durch. Musikalisch ist das Werk ebenfalls recht interessant. Das Bruckner-Orchester, geleitet von Ingmar Beck, intoniert recht unterschieliche Genres von Musik von der Klassik über die Romantik bis zur Moderne. Eine wunderbare Version von "Greensleevs" ertönt unter anderem und dann lateinamerikanische Rhythmen von Jimmy López. Dazwischen gibt es Stücke von Charles Ives, Gabriel Faurè, Maurice Ravel, Ralph Vaughan Williams, Thomas Adès, Lukas Foss und Johann Paul von Westhoff. Nicht alles macht das Brucknerorchester selbst. Manches wird auch per Playback zugespielt, z. B. ein berührendes Lied der griechischen Sängerin Alkistis Protopsalti. Musik und körperlicher Ausdruck durch Bewegung sprechen einen Bereich im Menschen an, der sich weit davon entfernt befindet, was wir rational begreifen können. Vielleicht ist es gerade das, was mich an Musikballett so berührt.
 

Mittwoch, 22. April 2026

LUTrio im Schl8hof Wels

Kennengelernt haben sich die Drei an der Kunstuni Graz und bilden schon seit zehn Jahren ein Jazz-Trio, das die Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen trägt (Lukas Kleemair am Schlagzeug, Urs Hager am Klavier und Tobias Steinrück am Kontrabass). Dass sie alte Jazz-Standards immer noch beherrschen, zeigen die Musiker gleich zu Beginn mit "No Moon At All". Später gibt es dann viel Eigenes, vor allem recht komplexe Kompositionen des Pianisten, dann wieder Material von Wayne Shorter (Infant Eyes), Erik Satie und den Beatles (Blackbird). Das virtuose und ideenreiche Klavierspiel von Urs Hager hat mich dabei am meisten angesprochen. Er hat das Geschichten-Erzählen am Klavier drauf. Zwar selbst sehr angetan von McCoy Tyner ist er eher der Pianist der sanfteren Töne eines Bill Evans oder Keith Jarrett. Auch die unaufgeregte, originelle und präzise Spielweise von Lukas Kleemaier am Schlagzeug gefällt mir und ebenso macht der Bassist seinen Job ausgezeichnet. Freiraum fürs Improvisieren hat der Pianist jedenfalls genug und auch seine Mitspieler dürfen sich hin und wieder einmal austoben. Die Musik ist aus einem Guss, die Band versteht sich blind, sie ist ein eingespieltes Team und fühlt sich im Rahmen der Musikwerkstatt Wels sichtlich wohl. Das aufmerksame Publikum im Schl8hof Wels zeigt sich jedenfalls sehr zufrieden mit dem Gebotenen und ich bin es auch.
 

Sonntag, 19. April 2026

Cartoon-Show mit Musik im Kino Ebensee

Als langjähriger Profil-Abonnent haben mich die Zeichnungen des Linzer Karikaturisten Gerhard Haderer immer wieder sehr belustigt. Ebenso begeistert hat mich von Anfang an das Musiker-Duo "Attwenger" mit dem Sänger und Harmonika-Spieler Hans Peter Falkner. Nun bietet sich die Gelegenheit, beiden Künstlern gemeinsam auf der Bühne im Kino Ebensee zu begegnen. Jeder bedient abwechselnd sein eigenes Genre: Gerhard Haderer zeigt und kommentiert eine Auswahl seiner Werke (Cartoons für Zeitschriften und für seine eigenen MOFF.-"Schundhefte") und Hans Peter Falkner singt und spielt Lieder aus dem "Attwenger"-Repertoire. Beides ist gleichermaßen unterhaltsam, wobei mich natürlich die Musik noch mehr anspricht als die Bilder und Bildgeschichten, vor allem wenn es sich um Stücke aus dem ersten "Attwenger"-Album "most" handelt, mit dem ich schöne Erinnerungen verbinde. Auch ein neues, noch unveröffentliches Lied trägt Hans Peter Falkner vor, in dem es in über 70 Strophen (und 12 Minuten Aufführungsdauer) um unzählige Gegensatzpaare geht zwischen dem, was man eigentlich will, und dem, was man tatsächlich bekommt. Der Interpret mutet sich und dem Publikum allerdings nur etwa die Hälfte davon zu. (Ich hätte gern alles gehört.) Der Rest lässt sich allerdings dann in seinem angekündigten neuen Buch nachlesen. Auch nur die eine Hälfte von "Attwenger" schätze ich sehr, die kompletten "Attwenger" natürlich ebenso.

Samstag, 18. April 2026

Christian Marien Quartett im Jazzit Salzburg

Der deutsche Schlagzeuger Christian Marien, den ich früher schon mit der Insomnia Brass Band im Schl8hof Wels gehört habe, ist nun mit seinem eigenen Quartett im Jazzit Salzburg zu Gast. Tobias Delius spielt Tenorsax und Klarinette, Antonio Borghini den Kontrabass und Jasper Stadhouders die Gitarre. Schon mit den ersten Tönen wird recht klar, wohin die (musikalische) Reise geht. Kompositionen mit recht offenen Strukturen werden geboten, die viel freien Raum für kollektive als auch solistische Improvisation bieten und sich durch höchste Intensität auszeichnen. Der Gitarrist macht von seiner Freiheit regen Gebrauch und erinnert mich an Fred Frith, wenn er seine Gitarre mit Metallstäben und einem Esslöffel traktiert, um ihr schrille Sounds zu entlocken. Das macht auch Tobias Delius auf seine Art und Weise am Saxophon wie auch auf der Klarinette. Er reizt die Möglichkeiten dieser Instrumente aus, indem er z. B. der Klarinette die höchstmöglichen Töne durch mehrfaches Überblasen entlockt. Bisweilen erinnert er mich auch an den verstorbenen Peter Brötzmann mit seinem Saxophongebrüll und sogar an den legendären Albert Ayler, wenn er bisweilen ins Hymnische verfällt. Für die rhythmischen Finessen sorgen naturgemäß Bass und Schlagzeug. Das Quartett verbindet die einzelnen Stücke oft mittels fließender Übergänge, was dies Spannung über einen längeren Zeitraum aufrecht erhält. Höchste Virtuosität, eine extreme Klangdichte und großer Einfallsreichtum zeichnen diese Band aus. Sie bietet ein musikalisches Erlebnis, das man nicht allzu oft erfährt. 
 

Freitag, 17. April 2026

Voodoo Jürgens im Posthof Linz

Der österreichische Liedermacher Voodoo Jürgens ist für mich kein Unbekannter. Ich habe ihn bereits solo als auch mit seiner "Ansa Panier" live zu hören bekommen. Dennoch bin ich neugierig, was David Öllerer (sein bürgerlicher Name) zurzeit zu bieten hat, und das ist, um es gleich vorweg zu nehmen, noch mehr Qualität als je zuvor. Sein Hit aus dem Jahr 2016 "Heite grob ma Tote aus" erklingt daher auch gleich am Anfang, der Raum für seine neuen Songs des Albums "Gschnas" steht offen. Rhythmisch recht variabel werden Lieder im Wiener Dialekt präsentiert, die sich meist mit den Schattenseiten menschlicher Existenz beschäftigen und damit, wie das Leben so spielt. "De An und de Aundan", "Da Dings", "Da Zweifl" und "Ka Ruah" sind für mich die Highlights des neuen Programms. Die "Ansa Panier" trägt ihren Namen zurecht, Sie kann richtig Druck machen, gewaltig rocken und besticht auch emotional, wobei mich Alexander Kranabetter an das Trompetenspiel von Sven Regener bei Element Of Crime erinnert. Je nach Stimmung wechselt Martin Scheer zwischen E-Bass und Kontrabass, Matthias Frey zwischen Violine und E-Gitarre. Schlagzeuger David Schweighart sorgt für den klaren und kraftvollen Beat, Bernd Lichtscheidl für den Keyboard-Sound. Bob Dylan klingt für mich durch und nicht zuletzt erinnert mich der aktuelle Voodoo Jürgens sogar etwas an den verstorbenen Ludwig Hirsch. Mehr als je zuvor hat mich Voodoo Jürgens mit der Ansa Panier im fast ausverkauften Posthof Linz dieses Mal beindruckt. 
 

Donnerstag, 16. April 2026

Carminho im Wiener Konzerthaus

Seit ich Fado zum ersten Mal in den frühen 1990ern auf einem Vinyl-Album kennengelernt habe, lässt mich die Faszination dieser Musik nicht mehr los. Nach mehreren, in Österreich eher seltenen Fado-Konzerten, komme ich nun in den Genuss von Carminho, einer bekannten Fadista aus Lissabon. Sie hat eine fünfköpfige Begleitband in den großen Saal des Wiener Konzerthauses mitgebracht, die den wunderbaren Rahmen für ihren Gesang bietet. Neben den vier Gitarren sorgt noch ein Keyboarder mittels mehrerer exotischer Tasteninstrumente (Mellotron, Ondes Martenot und Cristal Baschet) für ein breites, sanft-fülliges, melodisches Klangspektrum. Carminho macht mit ihrem Gesang das, was für den Fado charakteristisch ist: diese hochemotionale Steigerung des Ausdrucks, dieses "Schmachten", wie ich es gerne nenne, das gleichsam in einer wohltuenden Erschöpfung endet. Carminho geht allerdings mit ihrem Repertoire deutlich über das Grenzen des traditionellen Fado hinaus und präsentiert sich auch als talentierte Singer-Songwriterin mit popigen Anklängen. Sie fühlt sich sichtlich wohl im großen Ambiente des Konzerthauses und bringt dies in ihren ausschweifenden Zwischenansagen immer wieder zum Ausdruck. Zuletzt will sie noch die hochgelobte Akustik des Saals auf die Probe stellen, indem sie jeglicher Elektronik den Strom abdreht und ihre Stimme und die Instrumente rein akustisch ertönen. Das Publikum macht keinen Mucks und das Experiment gelingt. Ein Abend voller positiver Emotionen geht mit großem Applaus und mehreren Zugaben zu Ende.
 

Dienstag, 14. April 2026

Tortoise im Jazzit Salzburg

Bereits in den 1990er Jahren haben Tortoise aus Chicago Berühmtheit erlangt, weil sie als Begründer des Post-Rock gelten. Allerdings habe ich erst jetzt die Gelegenheit, diese fünf Männer live zu erleben (Dan Bitney, John Herndon, Doug McCombs, John McEntire und Jim Elkington). Außer den zwei Drumsets funktionieren in dieser Band alle Instrumente elektronisch, seien es die E-Gitarren oder mehrere Synthesizer-Keyboards und sogar ein Percussion-Pad. So ausgerüstet lassen sich alle möglichen Sounds erzeugen, wobei Bässe (womit auch immer produziert) die dominierende Grundlage bilden. Bässe übernehmen hier meist die Lead-Funktion, d. h., sie führen ein starkes Eigenleben. Über der Grundlage von Bass und Schlagzeug erklingen einfache Tonfolgen mittels E-Gitarre und Keyboards. Die Musik kommt schwerlastig daher, fühlt sich oft bleiern an, lebt von vielen Wiederholungen mit nur kleinen Veränderungen und erinnert mich daher auch phasenweise an Minimal Music eines Philip Glass. Ein paar rhythmischere Nummern gibt es dann doch auch, die mich etwa zum Mitwippen bringen und leichte Anklänge an Tex-Mex-Musik aufweisen. Interessant ist auch der oftmalige Positionswechsel der Musiker, eine Art Instrumentenkarussell, bei dem der Keyboarder zum Schlagzeuger wird oder umgekehrt. Immer wieder entstehen Phasen erhöhter Intensität, es bauen sich Spannungen auf, die sich wieder entspannen. Was dominiert, ist allerdings diese gemächliche Schwere, die sich tatsächlich mit dem Gang einer 300-Kilo-Landschildkröte vergleichen lässt, gut geerdet auf jeden Fall. Tortoise ist schon der richtige Bandname.
 

Sonntag, 12. April 2026

Amalie Dahl's Dafnie im Kulturpool Gusental

Am Beckenboden des zum Konzertsaal umgestalteten Hallenbads in Gallneukirchen (Kulturpool Gusental) gibt es immer wieder Erstaunliches zu hören. Die gebürtige Dänin und nun in Oslo aktive Saxophonistin und Komponistin Amalie Dahl ist mit ihrem Quintett Amalie Dahl's Dafnie zu Gast. Dabei sind am Schlagzeug Veslemøy Narvesen, am Kontrabass Nicolas Leitrø, an der Posaune Jørgen Bjelkerud und an der Trompete Oscar Andreas Haug. Treibende Kraft der Band ist die Rhythmusgruppe mit Bass und Schlagzeug, die sowohl in der Lage ist, extreme Tempi zu verfolgen, als auch mit ostinatem Spiel die solierenden Bläser:innen zu begleiten. Besonders der Bassist hat mich mit seinem präzis-markanten Tönen beeindruckt. Die Kompositionen sind sehr abwechslungsreich. Schnelle, an Bebop erinnernde Nummern wechseln ab mit eher elegisch klingenden, auf wenige Tonfolgen basierenden Stücken. Im Laufe der Kompositionen treten dabei immer wieder Trios mit Rhythmusgruppe und Bläsern hervor. Markant ist auch das Experimentieren mit der Tonerzeugung auf den Blasinstrumenten, das alle verfügbaren Möglichkeiten der Instrumente auslotet. Breiter Raum für Improvisationen der Beteiligten steht dabei offen. Die Gruppe erreicht damit einen recht eigenständigen Stil, der von rhythmischer Beschwingtheit bis zur bloßen Erzeugung von Geräuschen alles bieten kann. Amalie Dahl's Dafnie sorgt somit vom Anfang bis zum Ende des Konzerts für Spannung und konzentrierte Aufmerksamkeit beim begeisterten Publikum. Eine derart junge Band mit diesen Möglichkeiten und dieser Reife im musikalischen Ausdruck hat Seltenheitswert. Da macht das Zuhören wirklich große Freude. 
 

Samstag, 11. April 2026

Domo Emigrantes im Schloss Traun

"Domo Emigrantes" nennt sich ein Quartett von Musikern aus dem Raum Mailand, das zu Gast im Schloss Traun ist. "Die von zu Hause Ausgewanderten" sind Norditaliener mit süditalienischen und sizilianischen Wurzeln, die sich der Tradition mediterraner Volksmusik verschrieben haben. Sie geben sowohl Eigenes als auch viel an Traditionellem Liedgut zum Besten. Stefano Torre ist der Leadsänger und Gitarrist der Gruppe, der bisweilen auch auf die Bouzouki wechselt, wenn es um griechischen Einfluss geht. Eine seiner Spezialitäten ist auch die sizilianische Flöte. Filippo Renna ist der Percussionist der Band, Andrea Dall'Olio spielt Violine und Vittorio Tauro das Akkordeon. Volksmusik aus Süditalien hört man nicht so oft bei uns in Österreich und schon gar nicht mit einer derart authentischen Note wie von diesen Musikern. Wunderbare Rhythmen und Melodien voller Emotionalität berühren die Herzen des Publikums, das der Aufforderung mitzuklatschen nur allzu gerne nachkommt. Die Grenzen der Volksmusik werden erweitert, indem das im Jazz übliche Improvisieren insbesondere von Geige und Akkordeon ein zusätzliches Stilmittel bildet. Zuletzt mischen sich die Musizierenden unters Publikum und die Darbietung endet in einem sizilianischen Volksfest, bei dem es keinen mehr auf seinem Sitz hält. 
 

Freitag, 10. April 2026

Gusset im OKH Vöcklabruck

Gusset nennt sich das Quintett des Schlagzeugers Jakob Peham, das im Rahmen von "thursdays4jazz" in der OKH-Bar in Vöcklabruck einen Auftritt hat. Neben dem Bandleader spielt Michael Gramer das E-Piano, Luca Weigl den Kontrabass, Peter Nickel die Posaune und Mira Gregoric die Violine. Etwas kammermusikalisch anmutend spielt die Band sowohl Eigenkompositionen als auch Kompositionen von Christoph Cech wie "Common Ground" oder "Man Facing North", Repertoire aus der "Linzer Schule" der Bruckner-Uni. Am deutlichsten wird der Jazz-Charakter der Aufführung durch die Improvisationen der Bandmitglieder, die in den Stücken reichlich Platz finden. Komplexe Strukturen und viele Rhythmuswechsel prägen die experimentierfreudigen und grenzüberschreitenden Werke. Der Abend zeigt das hohe Niveau, auf dem sich die junge Generation österreichischer Jazz-Musiker:innen befindet und wie stark sie sich von althergebrachten Jazz-Mustern emanzipiert hat. Die Besucher dieses Abends und auch ich wissen das zu schätzen.
 

Mittwoch, 8. April 2026

Origina1Nerd im Schl8hof Wels

Den Strom hätte man den fünf jungen Musikern von "Origina1Nerd" nicht abdrehen dürfen. Denn ein wesentlicher Teil des Klanggeschehens beruht auf elektronischer Unterstützung. Sei es der E-Bass von Jakob Gönitzer, das Keyboard von Thomas Quendler, die E-Gitarre von Andreas Erd und sogar das Tenorsaxophon von Max Glanz, das ebenfalls elektronische Beigaben beansprucht. Lediglich Jonas Kocnik am Schlagzeug ertönt rein akustisch. Was die Band bietet, beruht auf Jazz-Rock-Fusion, der das Quintett seinen eigenen Stempel aufprägt, einerseits durch sein ausgeklügeltes Sounddesign, durch raffinierte Kompositionen mit Abwechslungsreichtum und emotionaler Tiefe. Max Glanz's Saxophonspiel ist ausdrucksstark, verliert dabei allerdings nie die solide Bodenhaftung, es kann - was ich besonders schätze - Geschichten erzählen. Andreas Erd spielt seine Gitarre in der Manier eines Rockgitarristen, virtuos und überschwänglich in seinen Solis. Auch Thomas Quendler brilliert gelegentlich durch seine Improvisationen, ebenso Bassist und Schlagzeuger. Die Band spielt auf einem erstaunlich hohem Niveau und hat sich einen eigenständigen Sound erschaffen, der das Publikum im Schl8hof Wels und auch mich beeindruckt.
 

Freitag, 3. April 2026

"Come From Away" im Musiktheater Linz

Musicals sind nicht meine erste Wahl, wenn es um musikalische Darbietungen geht. Dennoch schenke ich auch immer wieder dieser Kunstsparte meine Aufmerksamkeit. Das Musiktheater Linz bietet dazu gute Gelegenheiten. "Come From Away", ein 2017 uraufgeführtes Musical eines kanadischen Künstler:innen-Ehepaars läuft dort gerade recht erfolgreich. Es erzählt die wahre Geschichte der kanadischen Kleinstadt Gander, wohin nach den Anschlägen des 11. September 2001 39 Passagierflugzeuge umgeleitet worden sind. Die Bevölkerung dort ist plötzlich mit der Herausforderung konfrontiert, Tausende Gestrandete vorübergehend aufzunehmen und zu versorgen. Was das mit der Bevölkerung und den Passagieren macht, zeigt dieses Stück eindrucksvoll. Um es gleich vorwegzunehmen, Humanität und Hilfsbereitschaft siegen, Vorurteile werden abgebaut, Beziehungen und sogar Liebesbande bilden sich. Das Ganze spielt sich auf statischer Bühne ab, nur der Hintergrund verändert sich jeweils leicht. Getragen wird die Handlung von gesungenen Dialogen zwischen den Beteiligten, einer Folkrock-Band beiderseits der Bühnenmitte und einem rasenden Tempo mit viel Bewegung und Tanz, das keine Sekunde Langeweile aufkommen lässt. Für eine Pause ist dabei auch kein Platz. Nach fünf Tagen erzählter Zeit (und ca. zwei Stunden Aufführungsdauer) ist der Spuk vorbei. Mittels Menschlichkeit und Zusammenhalt sind die Beteiligten  aus dieser Notsituation gestärkt hervorgegangen. Die vermittelten Werte wie Positivität, Humor, Handlungsbereitschaft  und Lebendigkeit sind wahrscheinlich auch die Grunde für den Erfolg dieses Musicals. Die großartigen künstlerischen Leistungen des Ensembles natürlich ebenfalls. Am Schluss tanzen dann noch alle Darsteller:innen nach Celtic-Rock-Rhythmen und das Publikum applaudiert begeistert und zufrieden.

Donnerstag, 2. April 2026

Ian Fisher in der Kurdirektion Bad Ischl

Den in Wien lebenden und aus Missouri stammenden Singer-Songwriter Ian Fisher habe ich bisher nicht gekannt. Schnell wird mir bei seinem Solo-Aufritt mit Akustik-Gitarre allerdings klar, wohin die Reise geht. "Die Gedanken sind frei", verkündet Ian Fisher bereits in seinem ersten Song, mit einem Lied des großen Woody Guthrie beendet er den Konzertabend. Dazwischen liegt eine Vielzahl an Eigenkompositionen, die mich an andere Folk-Musiker wie Townes Van Zandt oder Billy Bragg erinnern, auch Anklänge an Bob Dylan höre ich heraus. Politisches - er ist übrigens studierter Politologe - so wie auch sehr Persönliches beinhalten seine hauptsächlich englischsprachigen Songs, auch die Wut über gesellschaftspolitische Zustände kommt dabei zum Ausdruck. Mit Leichtigkeit gelingt es dem sympathischen Alleinunterhalter den Draht zum Publikum herzustellen und es zum Mitmachen einzuladen. Durchdringend wie seine Texte ist auch seine expressive Stimme, mit der er seine Botschaften (manchmal auch auf Deutsch) an die Zuhörenden richtet: "... ich will kein Ami sein, ich will kein Deutscher sein, ich will gar nichts sein, außer was ich bin." Diese unverstellte Authentizität, die in seiner Kunst herrscht, weiß ich sehr zu schätzen. Das aufmerksame Publikum in der Kurdirektion Bad Ischl anscheinend auch.
 

Mittwoch, 1. April 2026

"Stabat mater" im Stift Lambach

"Stabat mater dolorosa" ist ein Gedicht aus dem 13. Jhdt., das den Schmerz der Mutter Gottes über den Tod Jesu beschreibt und in der katholischen Liturgie eine Rolle spielt. Es gibt bereits zahlreiche Vertonungen dieses Werks (z. B. von Haydn, Rossini oder Dvorak). Nun hat der Pianist Martin Gasselsberger eine weitere hinzugefügt, Martin Mucha hat den Text dazu adaptiert. Neben Martin Gasselsberger am Klavier musiziert mit ihm sein langjähriger Weggefährte Tim Collins am Vibraphon und Marimbaphon. Den Gesangspart übernimmt die Kantorei St. Michael Mondsee mit einem gemischten Chor und drei Solist:innen unter der Leitung von Gottfried Holzer-Graf. Die Aufführung findet in dem herrlichen und akustisch ausgezeichneten Barocksaal des Sommerrefektoriums im Stift Lambach statt. Martin Gasselsberger hat ein Werk geschaffen, das stilistisch breit angelegt ist und sowohl Merkmale der klassischen Musik als auch solche aus Jazz- und Popmusik enthält. Den Jazz-Part mit Improvisation übernehmen natürlich Gasselsberger selbst und Tim Collins mit beeindruckenden Soli auf dem Vibraphon und dem faszinierend klingenden Marimbaphon, dessen tiefe Tonlagen mich besonders beeindrucken. Der Chor und die Solist:innen klingen dabei recht unterschiedlich, bisweilen ähnlich einem mittelalterlichen Chor, manchmal popmusikalisch anmutend. Dennoch enthält die Komposition keine Stilbrüche, sondern ergibt trotz der stilistischen Vielfalt ein organisches Ganzes. Was ich an Martin Gasselsberger und seiner Musik besonders mag, ist ihr Hang zur Romantik mit schönen Melodien, die mein Herz berühren. Ihm ist mit "Stabat mater" etwas ganz Wunderbares gelungen. Das Publikum im vollen Saal des Stifts Lambach bedankt sich mit überschwänglichem Applaus.