Montag, 4. Mai 2026

Frankie & Kelman Duran, pmxper und Alan Sparhawk (of Low) im Klangraum Krems

Für mich ist es nun schon zur angenehmen Gewohnheit geworden, jedes Jahr einen Konzertabend beim Donaufestival zu verbringen, und zwar im Klangraum Krems, der reizvollen, zur Konzertlocation umfunktionierten Minoritenkirche in Stein an der Donau. Dieses Mal sind drei Liveacts am Programm. Das Duo Franziska Aigner (alias Frankie, Cello und Gesang) und der aus der Dominikanischen Republik stammende Kelman Duran (Electronics) und pmxper, bestehend aus Pavel Milyakov (E-Gitarre) und Aleksandra Zakharenko (alias Perila, Electronics und Stimme) verfolgen ähnliche Projekte. Elektronische, besonders bei Kelman Duran recht basslastige Sounds werden kombiniert mit ebenfalls elektronisch verfremdeten Instrumenten und Stimmen. Ins Rhythmische verfallen beide Duos kaum, vielmehr werden Soundteppiche gelegt, auf denen zusätzliche vokale und instrumentale Ereignisse stattfinden. Dramaturgisch hatten Frankie & Kelman Duran dabei mehr zu bieten als pmxper. Das Cellospiel von Frankie hat mich dabei stärker beeindruckt als Milyakov's Gitarrensounds. In eine ganz andere Richtung geht es dann beim Trio (E-Gitarre, E-Bass, Schlagzeug) des US-amerikanischen Gitarristen und Sängers Alan Sparhawk. Herzzerreißend vorgetragene, melodisch einfache Songs sind das Markenzeichen Sparhawk's in Verbindung mit ins Extreme verfallenden, lang anhaltenden  Gitarren- und Schlagzeugausbrüchen. Obwohl die Melodien einfach gestrickt sind, ist immer ein schräger, irritierender Unterton dabei, der sie zu anspruchsvollen Kunstwerken werden lässt. Alan Sparhawk (den ich bisher nicht gekannt habe) ist ein Künstler, der mir viel zu sagen hat und dessen musikalischen Erzählungen ich ergreifend finde. Der dritte Tag des insgesamt sechstägigen Festivals findet damit seinen krönenden Abschluss.

Sonntag, 3. Mai 2026

Debasish Gangopadhyay & Paul Zauner im Rossstall Lambach

Seit ich in den 1970er Jahren Ravi Shankar, den bekanntesten Vertreter klassischer indischer Musik, auf Platte gehört habe, hat mich die Faszination dieser Musik nicht mehr losgelassen. In den 1980ern hatte ich dann das erste Mal die Gelegenheit, indische Musiker live auf der Bühne im Kammerhofsaal in Gmunden zu erleben. Dank des Inntöne-Organisators und Posaunisten Paul Zauner kann ich nun schon zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit den Sitar-Virtuosen Debasish Gangopadhyay im Rossstall Lambach bestaunen. Die ersten 40 Minuten bestreitet dieser durchgehend allein auf seinem komplexen, an Obertönen reichen Instrument. Anfangs zart, langsam und sparsam an Tönen entfaltet sich ein immer facetten- und variantenreicheres Klanggemälde, das die gesamte Bandbreite des Instruments ausschöpft, in höchster Intensität gipfelt und allmählich wieder zur angestammten Ruhe zurückkehrt. Nach dieser musikalischen Höchstleistung ist erst einmal Pause. Im zweiten Set gesellt sich dann Paul Zauner auf der Posaune dazu und jazzigere Klänge verbinden sich organisch mit den Sitar-Lauten, ein magisch anmutendes Miteinander entsteht. Den Abschluss des Konzerts bildet wieder ein Solo-Vortrag von Debasish Gangopadhyay. Was das Sitar-Spiel musikalisch so interessant macht, ist neben des Oberton-Reichtums auch die Möglichkeit durch das seitliche Ziehen der Saiten auf den Bünden die Tonhöhe fließend zu zu verändern, was Verzierungen und Glissandi ermöglicht. Dass musikalische Welten nicht so weit auseinander liegen, wie man vielleicht glauben könnte, beweist dieses Konzert. Im Gegenteil, Musik ist jene Kraft, die die Welt vereint.
 

Mittwoch, 29. April 2026

"Die dritte Luft oder Eine Bühne am Meer" von Christoph Ransmayr

Immer wieder einmal werde ich gefragt, was denn "Die dritte Luft" (so der Name dieses Kultur-Blogs) bedeute und was denn die anderen zwei Lüfte seien. Inspiriert hat mich bei der Titelwahl die Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 1997 des österreichischen Schriftstellers Christoph Ransmayr, die im gleichen Jahr auch als 26-seitiges Büchlein im S. Fischer Verlag erschienen ist. Darin ist von einer Plattform am Meer an der Südküste von Irland die Rede, die früher als Bühne für allerlei kulturelle Veranstaltungen genutzt worden ist. Sie ist jetzt verwaist, der Besitzer hat die Liegenschaft verkauft, als er nach Australien ausgewandert ist, die aktuelle Besitzerin ist eine kranke Greisin, die der Erzähler mit deren Sohn besucht. In indirekter Rede zitiert nun der Erzähler ihren Sohn. "Jeder Mensch lebe schließlich bis zu seinem Ende in drei Lüften." Die erste sei die des Anfangs, der Geruch der Haut der Mutter, die zweite sei die der weiteren Umgebung, der Natur und der menschlichen Aktivität. "Aber erst in der dritten Luft werde ergänzt und hinzugefügt, was zum vollständigen Bild der Welt noch fehle, erst in der Luft der Plattformen, Tanzsäle und Theater, der Kinos und wohl auch rauchiger Pubs, der Luft der Geschichten und der Verzauberung des Lebens in Lieder, verwandle sich beispielsweise ein ganzes Meer in ein einziges Wort, in eine Melodie, und rausche aus diesem Wort wieder hervor." Von dieser Luft berichtet dieser Blog.

Lady Blackbird im Jazzit Salzburg

"Lady Blackbird", eine Sängerin aus Los Angeles war mir bisher unbekannt. Nun habe ich sie bei ihrem (ausverkauften) Auftritt im Jazzit Salzburg kennengelernt. Mit sparsam besetzter Band (Chris Seefried, Gitarren und Klavier, Jon Flaugher, E- und Kontrabass, Tamir Barzilay, Schlagzeug) tritt Marley Munroe (ihr bürgerlicher Name) mit schriller, weißer Afro-Perücke auf die Bühne. Schon nach den ersten Liedzeilen scheint es mir, als würde ich die längst verstorbene Ikone Nina Simone hören, so stark ähneln sich die beiden Stimmen. Und auch stilistisch, was Soul und Gospel anbelangt, gibt es große Ähnlichkeiten. Kein Wunder also, dass schon das zweite Lied eine Coverversion von Nina Simone's "Blackbird" ist, von dem sich auch der Künstlername "Lady Blackbird" herleitet. Besonders beeindruckt haben mich die Gospel-Walzer-Stücke der Sängerin. Allerdings kann die Band auch funkige Töne anschlagen und rocken, z. B. bei der Beatles-Coverversion von "Come Together". Neben eigenen Songs erweist Marley Munroe auch noch David Bowie und Bob Dylan mittels Coverversionen die Ehre. Der Kontakt zwischen "Lady Blackbird" und dem Publikum kann an diesem Abend besser nicht sein. Die Hochstimmung überträgt sich wechselseitig. Selbstermächtigung ist ein dominierendes Thema der Lieder, das schließlich auch im letzten Stück zum Ausdruck kommt, dem wunderbaren "I Am What I Am" aus dem 1980er-Musical "La Cage aux Folles", das die "Disco-Queen" Glora Gaynor berühmt gemacht hat. Ein berührender Abend, ein Fest voll positiver Stimmung geht damit zu Ende.
 

Sonntag, 26. April 2026

Der Nino aus Wien und Milan Begovic im Schauspielhaus Linz

Er ist einer meiner am öftesten live gehörten Musiker, und dennoch zieht es mich immer wieder hin zu seinen Auftritten, dieses Mal vor allem deshalb, weil sich Der Nino aus Wien im Schauspielhaus Linz von einem Pianisten (Milan Begovic) begleiten lässt, ganz im Stil eines intimen Liederabends. Einige Lieder klingen neu für mich, die meisten kenne ich allerdings schon durch seine Auftritte mit seiner Band. Nino's Lieblingslieder, die auch mir am besten gefallen, klingen durch die Klavierbegleitung noch lyrischer, noch sentimentaler, noch poetischer. Seinem Gesangsstil, der mich etwas an Bob Dylan erinnert, bleibt er auch in diesem Setting treu. Das tut er auch, als er sich auf Anregung des Pianisten dazu hinreißen lässt, auch zwei Lieder von Franz Schubert zu interpretieren, u. a. "Das Wirtshaus" aus der "Winterreise". Wirklich wohl fühlt sich Nino Mandl (so sein bürgerlicher Name) und auch ich mich, wenn er seine eigenen Songtexte vorträgt. "Unter Fischen", "Der Mai ist vorbei" (beruhend auf Bob Dylan's "Simple Twist Of Fate"), "Plurabelle", "Taxi Driver", "Es geht immer ums Vollenden" und schließlich das "Praterlied" sind schon seit Längerem zurecht die Fixpunkte und Highlights in seinem Programm. Und dabei macht es auch keinen allzu großen Unterschied, mit welcher Instrumentierung und Besetzung sie vorgetragen werden. Es sind einfach Perlen der deutschsprachigen Songwriting-Kunst, die ich nicht oft genug hören kann.

Samstag, 25. April 2026

Elias Stemeseder & Georg Vogel im Jazzit Salzburg

Die beiden jungen Pianisten mit Salzburger Wurzeln habe ich schon jeweils unabhängig voneinander erlebt und schätze sie sehr. Nun sehe ich sie zusammen als Duo an zwei Flügeln im Jazzit. Sie präsentieren eine Erweiterung ihres schon 2022 vorgestellten Repertoirs mit dem Namen DDIOFEO. Es ist ein Programm, das vom ersten Takt an Spannung vermittelt und volle Aufmerksamkeit fordert. Die Kompositionen sind komplex und verweisen auf unterschiedliche Genres und Vorbilder. Sie klingen jedenfalls recht modern und atonal. Eine erinnert mich dennoch sofort an Johann Sebastian Bach, eine andere beginnt sogar (ausnahmsweise) zu swingen. Die Pianisten teilen sich die "Arbeit". Manchmal verharrt einer still, während der andere spielt, manchmal übernimmt einer die Begleitung, während der andere am Improvisieren ist. Oft improvisieren beide. Jedenfalls besteht genug Platz für virtuose solistische Ausflüge, die so ziemlich alles ausloten, was das Instrument hergibt. Bisweilen steigert sich auch die Intensität, ebbt dann wieder ab. Die Stücke erfordern von den Ausführenden vollste Konzentration. Recht spielerisch wirkt schließlich am Ende der Vorstellung die Zugabe, die Erkennungsmelodie des Tommy Dorsey Orchesters aus den frühen 1930er Jahren "I'm Getting Sentimental Over You". Die Swing-Jazz-Wurzeln werden trotz anspruchvollster Modernität schließlich  doch nicht verleugnet.

Freitag, 24. April 2026

Amor & Psyche? im Musiktheater Linz

Obwohl ich in meiner Jugend so gut wie gar nicht sozialisiert worden bin, was Ballett anbelangt, so entwickle ich mich mit fortschreitendem Alter immer mehr zum Ballett-Liebhaber. Vielleicht weil es eine wesentlich offenere Kunstform ist als z. B. Sprech- und auch Musiktheater. Und es funktioniert mit Musik, meiner präferierten künstlerischen Ausdrucksform. Was macht nun das Ballettstück "Amor & Psyche?" von Jeroen Verbruggen so speziell? Es sind natürlich in erster Linie die Choregraphie für die 14 beteiligten Tänzer:innen und deren künstlerisch-athletischen Leistungen. Viele der Figuren spielen sich am Boden ab, das Stück ist sozusagen recht "geerdet", obwohl es bisweilen auch zu dramatischen Zuspitzungen und Höhenflügen kommt. 70 Minuten lang herrscht ständige rasante Bewegung, langsame Passagen sind selten. Die junge Frau mit der Aktentasche (Psyche) verfällt schließlich dem Mann mit dem Pfeil (Amor) und macht eine Wandlung und Reifung durch. Musikalisch ist das Werk ebenfalls recht interessant. Das Bruckner-Orchester, geleitet von Ingmar Beck, intoniert recht unterschieliche Genres von Musik von der Klassik über die Romantik bis zur Moderne. Eine wunderbare Version von "Greensleevs" ertönt unter anderem und dann lateinamerikanische Rhythmen von Jimmy López. Dazwischen gibt es Stücke von Charles Ives, Gabriel Faurè, Maurice Ravel, Ralph Vaughan Williams, Thomas Adès, Lukas Foss und Johann Paul von Westhoff. Nicht alles macht das Brucknerorchester selbst. Manches wird auch per Playback zugespielt, z. B. ein berührendes Lied der griechischen Sängerin Alkistis Protopsalti. Musik und körperlicher Ausdruck durch Bewegung sprechen einen Bereich im Menschen an, der sich weit davon entfernt befindet, was wir rational begreifen können. Vielleicht ist es gerade das, was mich an Musikballett so berührt.