Im Linzer Mariendom hat der Domorgelsommer 2026 begonnen mit einem Konzert des jungen Domorganisten Gerhard Raab. Er widmet es französichen Komponisten der Spätromantik um 1900 an der Schwelle zum Impressionismus: Louis Vierne, Charles-Marie Widor, Josef Bonnet und Camille Saint-Saëns. Das erste Stück stammt allerdings von einem englischen Zeitgenossen, Alfred Hollins, der sich von der Pariser Orgelkunst beeinflussen hat lassen. Ein Kritiker sagte damals zu ihm, das sei keine Orgelmusik, er höre die Geigen darin, was Hollins als Kompliment auffasste. Tatsächlich klingen die aufgeführten Kompositionen großteils wie Orchestermusik mit sehr sanften, leisen Tönen und einer Steigerung bis zum Ziehen aller Register. Über weite Strecken verweilt die Musik allerdings auch in einer feinen pastellartigen Stimmung (im Stück von Louis Vierne). Die pompöse Seite der Orgel zeigt sich in diesem Konzert nur selten. Obwohl die Rudigier-Orgel aus dem Jahr 1968 mit ihren 5890 Pfeifen und 70 Registern zur größeren Sorte zählt, wirkt sie für das immense Domvolumen keinesfalls überdimensioniert. Die sinfonisch-orchestral wirkende Orgelmusik der Pariser Schule um 1900 ist für mich eine neue Erfahrung in meinem Lernprozess klassischer Musikwerke. Meine Neugier hat sich also wieder einmal gelohnt.
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